Freunde. Lasst Euch doch nicht immer alles sagen. Versucht doch einfach mal Euch eine eigene Meinung zu bilden, wie Ihr es doch eigentlich immer vorhattet.

Und mehr noch: meint Ihr, es könnte Euch gelingen, diese Eure Meinung auch vehement vor Freund und Feind zu vertreten, ohne dass man Euch einfach ausknipst, wie es derzeit Usus ist, Euch umdreht, Euch des Geistes beraubt, den Ihr in mühevoller Kleinarbeit in Eurem Hirn verankert, gehegt und gepflegt habt? Seid Ihr Selbst genug, habt Ihr den Mut, das Durchsetzungsvermögen, die Kraft, diesen Geist? Ich selbst habe da so meine prägenden Erfahrungen gemacht. Daher habe ich große Bedenken und dennoch wünsche ich Euch alles Gute. Alles nur erdenklich Gute. Es profitieren ja alle davon. Auch ich. Ich bin nicht einmal sicher, dass ich nicht vielleicht nur aus diesem egoistisch motiviertem Grund das Wort an Euch richte. Aber, Freunde, es ist machbar. Das weiß ich aus Erfahrung, auch wenn es altklüger klingt, als ich mich geben sollte.

Leider wird aus unserer Konfusion niemals eine Kernfusion. Egal wieviel Druck und Körperwärme sich da auch aufbauen und zu was auch immer verschmelzen mag. Es bedarf leider weit größerer Anstrengung als der wohlfeilen und gewiss anzustrebenden Körperlichkeit, um diesen Kraftakt zu vollbringen. Konfusion ist absolut nicht schlimm, nur damit wir uns nicht falsch verstehen. Mein ganzes Sein scheint zwischen Konfusion und der ständigen Anstrengung, diese in ein begehbares und erlebbares System zu verwandeln zu pendeln.

Der Verlauf der kleinen Dinge ist - entgegen weitläufiger Meinung – wahrlich und zu meiner absoluten Bestürzung unwichtig geworden. War dies auch nicht immer der Fall, so ist in den letzten Jahren eine – paradoxerweise kleingeistige wie kleingestrige Tendenz festzustellen, die abgeleitet von der Größe der Ereignisse, ihnen ihre Bedeutung in der Geschichte als bloße Randerscheinungen zuweist. Das Amüsante daran ist eigentlich nur die Tatsache, dass sich selbst die explizit als solche ausweisenden kleinen Geister noch immer dagegen zur Wehr setzen, dieses zweifelsfrei verachtenswerte Faktum, als gegeben und unumstößlich anzuerkennen und die Risiken in dieser Tatsache zu erkennen.

Was die Konfusion und das ganze Kleinklein nun mit Eurer Meinung zu tun haben, fragt Ihr? Die Antwort kann ich mir in diesem Fall unfassbar leicht machen: Alles! Eure ganz persönliche Einstellung – nicht anders meine ganz persönliche Einstellung – bestimmen den Gott verdammten Lauf der uns alle umgebenden Gesellschaft und damit nicht zuletzt den – nehmen wir mal die 1. Welt (wo ist eigentlich die 2. Welt?) - der auf das Ausmaß eines Vorstadtkaffs zusammen geschrumpelten Welt. Wer meint keine Meinung zu haben oder bedauernswerterweise in der Tat keine Meinung hat, akzeptiert widerstandslos die Entscheidung anderer. Wer meint sich diese Haltung leisten zu können, hat leider eine absolute Teilschuld zu tragen an dem was mit ihm und mit mir passiert. Und hier nehme ich mir das Recht eine Meinung zu haben. Sauer zu werden, wenn Ihr so wollt. Auf weiche Ziele wie BILD, RTL II, Bohlen oder Volksmusik. Aber auch auf jene – das muss man ihnen durchaus lassen – medial ansatzweise geschulten Agitatoren in einer durchinszenierten Öffentlichkeit. Eben jene, die in Personalunion unsere Regierung spielen – pardon – bilden, als auch das Rollenmodell vorspielen, welches nachzueifern einer ganzen Generation von BWL-Studenten scheinbar per Immatrikulation vorgegeben das höchste Ziel ist.

Unpolitisch zu sein heißt heutzutage eben auch, die Politik derer mitzutragen, die einem das Leben nicht nur schwer, sondern zur Hölle machen. Und das bedeutet wiederum, den kompletten aus freien Stücken bewilligten Verzicht auf Jammern und Meckern. Natürlich möchte ich nicht jeden automatisch an den Pranger gestellt sehen, der den Bauern bei der Frauensuche voyeurisiert oder Schauspielerimitatoren im durchchoreografierten Teenie-Clinch an den Traumständen des Prekariat-TVs erträgt. Aber Betäubung, gleich welcher Couleur, macht eben gleichgültig. Und serielle Sedierung im fälschlicherweise so geadelten Free-TV macht eben zusätzlich auch abhängig. Es ist doch wunderbar, wenn man auf Menschen herab blicken kann, denen es noch schlechter geht als einem selber, die nicht merken wie man sie benutzt, die man belächeln und beklatschen kann, die man per Sofa basierter Spende an die Sendergruppe in einem Moment zum Star hochjubeln und im nächsten Moment in der GMX-Kurzmeldung höhnisch verlachen kann, wenn sie den vorprogrammierten und vom medialen Establishment unbedingt einkalkulierten Absturz hin zu dem vollführt haben, was sie eigentlich waren, nämlich nicht weiter erwähnenswert und leider viel zu leichtgläubig. Man möchte sagen, unvorbereitet.

Wenn man im Kleinen, im eigenen Verhalten nicht gewillt oder fähig ist, dem zu begegnen, was einem im Alltag – und das betrifft jeden einzelnen von uns unmittelbar und so persönlich wie es eben möglich ist – die Parameter vorgibt, soll heißen, den medialen Blendern, den staatsseitig absolut gewollten Dealern einer auf das Äußerste strapazierten Doofmannsunterhaltung nicht das Geringste, also wenigstens Desinteresse, entgegen zusetzen, gibt es wenig Grund zu murren oder sich zu beschweren. Ich möchte hier nicht einmal die fernen Beispiele heroischen Widerstands gegen totalitäre System bemühen, um das Loblied des Kleinen zu singen. Es reicht völlig aus, sich das eigene Desinteresse am ebenso eigenen Schicksal vor Augen zu führen. Sind wir nicht alle irgendwo Stammtisch erprobt, wenn es darum geht Politik zu kritisieren, Missstände anzuprangern, das eigene – scheinbar nicht hinnehmbare aber seltsamer Weise auch nicht zu ändernde Leid zu beklagen?

Egal ob wir unseren Kindern ein passives, obrigkeitshöriges Verhalten angesichts eines sowohl untermotivierten als auch überkapazitären Bürokratenapparetes vorleben; egal ob wir uns mit unseren Freunden nur noch über die debile Programmpolitik indirekt – da pekuniär dafür entlohnter – systemkonformer Hirnweichspül-Sender in Form inhaltsschwerer Diskussionen entladen; egal ob wir uns des öffentlichen Diskurses enthalten, wenn Themen, die uns unmittelbar betreffen das Gemüt der Öffentlichkeit bestürmen. Verdammt, es geht um das Kleine, es geht um das Winzige, es geht um den Moment, es geht um das Jetzt!

Aber was soll`s? Ist es nicht auch eine völlig freie Entscheidung, eine fließend aus sich selbst generierte Meinung, wenn man nichts sagt, wenn man nichts denkt? Ist es nicht das Recht eines jeden, sich der öffentlichen Diskussion zu enthalten, sich ins Private zurückzuziehen? Aber sicher doch. Nur nehme ich dann in Kauf, dass andere für mich das Öffentliche entscheiden. Dass andere für mich das entscheiden, was mein Leben bestimmt. Und hier, liebe Freunde, hier haben wir nun alle die Wahl. Wir haben die Wahl, für das was wir wollen einzutreten, oder zu akzeptieren, dass da jemand ist, der für uns entscheidet. Und dummerweise ist das mit Sicherheit nicht wirklich das, was wir selber wollen würden.

Wenn wir denn etwas wollen würden.

Wollen wir?

Versuchen wir doch einfach mal, uns eine eigene Meinung zu bilden, wie wir es doch eigentlich immer vorhattet. Wisst Ihr noch?
Es ist so unendlich tragisch. Es ist grauenhaft. Es ist nicht mit anzusehen, wie Du Dich tagtäglich quälst und marterst, Dir das Letzte abverlangt und doch keinen Meter weiter kommst.

Zumindest sah ich Dein stetes Scheitern vor meinem geistigen Auge. Eine Donna Quichote der Straße. Verdammt auf ewig gegen sich selber und die Ängste die Dich umtreiben zu kämpfen. Ausweglos. Ein Musiker, der immer und immer weiter übt, wird irgendwann – das nötige Talent vorausgesetzt – zu einer gewissen Exzellenz finden. Einem Maler der dran bleibt und sein Sujet von Bild zu Bild erst findet und schließlich ein Leben lang perfektioniert, wird man das Fortkommen im nichtmobilen Sinne anmerken, ihn für seinen steten Wandel bewundern.

Doch Du tatest mir direkt leid. Dich sah ich heute Abend an der Ampel stehen. Stehen? Nein, Du bewegtest Dich eigentümlich unstet, rastlos. Du hibbeltest von einem Bein aufs andere. Du warst nicht mehr die Jüngste, was nichts Schlimmes ist, es fiel nur sofort ins Auge, weil Deine Kleidung einem von Weitem suggerieren wollte, dass ein junger, ach so mobiler Mensch in ihr steckt. Es schien beinahe so, als trügest nicht Du sie, sondern würdest von ihr geführt. Meter für Meter, Schritt für Schritt. Ich musste sofort an Spiderman denken, als er – wiederkehrend vom interstellaren Kampf Gut gegen Böse – in sein seltsames neues schwarzes Kostüm wechselte, welches ein perfides Eigenleben und damit ihn führte. Dein Kostüm führte Dich ebenso, schwante mir in den 20 flüchtigen Sekunden, die die Ampel, die mich aufzuhalten vorgab, um einen kurzen Blick in Dein Leben zu werfen. Dein ausgemergeltes Gesicht rang nach Sauerstoff und sichtlich nach Fassung. Die Fußgängerampel passte nicht in Dein Konzept, Dein Puls begann sich zu beruhigen und die bestimmt teure Pulsuhr hämmerte Dir diese Tatsache unnachgiebig in die Augen. Der polare Brustgurt sandte das unfehlbare Signal aus, dass Dein Herzschlag nicht mehr auf dem nötigen Level bleiben wollte.

Daher das Gehibbel und der flehende Blick auf die beiden roten Männchen, dachte ich. Deine Figur dankte Dir Deine täglichen Anstrengungen sichtbar mit den wohldefinierten Konturen einer jungen Frau. Dein Gesicht zeigte sich dem höhnisch und sehr ungebührlich gegenüber und bestrafte die fettreduzierten Anstrengungen mit ausgemergelter Reife, die Dein Gesicht lummerlandgleich zu dem einer Scheinlolita machte. Vielleicht war es auch das Zählen der winzigen Körner beim genussvollen Müsli jeden Morgen, das Dich die Augen zusammen kneifen ließ, was tiefe Rillen in Deine Stirn meißelte, wo einfach zu wenig Fleisch von zu viel Haut gehalten wurde. Ich fragte mich in jenem Moment, warum Würde und Altern zwei so schwierige, sich scheinbar so oft bekämpfende Dinge sein können. Wie dem auch sein, es waren nur Sekunden und als die Ampel mir das grüne Licht zeigte, warst Du so schnell vergessen, wie das Lied im Autoradio brauchte, um zum erwartet frühen Refrain zu kommen.

Aber eben nicht ganz. Gerade muss ich an Dich denken. Ich habe gekocht. Fettig, gehaltvoll, lecker und ungesund spät, mitten in der Nacht. Und während ich voller Lust die Gabel in meine Speise jage, wische ich mir eine Träne aus dem Augenwinkel, aus ehrlich empfundenem Mitgefühl.
Ein unglaublich zufälliges Vorhandensein und Zusammenfinden von etwas Materie, verleiht dem vermeidlichen Wunder des Geborenwerdens eine unabstreitbar sagenhafte Aura. Besonders wenn man ein Planet ist. Ein Planet, den unfassbar viele Lebensformen als ihre sinnstiftende Heimat betrachten. Bei näherem Nachdenken wird es nur den Ketzerischsten gelingen hier nicht ins Schwärmen, sondern bedingt durch diesen Umstand ins tiefste Grübeln zu geraten. Als die simpelste aller Fragen kann dann nur noch jene recht unwissenschaftlich formulierte daher kommen: Was soll das eigentlich?

Dankenswerterweise gibt es seit Menschengedenken – und das ist wahrhaftig nicht die Welt, wenn ich mir dieses Wortspiel erlauben darf – jene, die sich anschicken diese Frage auf das übelste verzerrt (und philosophisch weitaus zu hoch angelegt) zu stellen. So weit noch keinen Schaden anrichtend, haben diese mutenthemmten Menschen jedoch die Angewohnheit Theorien aufzustellen. Und als seien sie der eigenen Sprache nicht vollends mächtig, verwechseln sie alsbald die eigenen Theorien, das Ungreifbare betreffend, mit messbaren Ergebnissen.

Ein halbes bis dreiviertel Leben weiter ringen die großen Theoretiker in großer Mehrzahl mit dem eigenen Tode und sind sich der Bestätigung ihrer persönlichen Theorien somit so nah wie nie zuvor. Paradoxerweise jedoch verfallen die meisten von ihnen, ihres sicheren Abstandes beraubt, der einen so mutig werden lässt in Bezug auf das Universelle, zurück auf althergebrachte Theorien ihnen persönlich wie geistig völlig fremder Theoretiker. Ohne sagen zu können, was diese längst vergangenen Philosophen nun im Angesicht des potentiellen Zerbröckelns eigenen Denkens, richtiger gemacht und gedacht haben als man selbst, betet man plötzlich doch jene rituellen Formeln, dessen Richtigkeit man – fast – ein Leben lang angezweifelt hat.

Und ehe man sich’s versieht, ist der Ursprung erstaunlicherweise das geringste Problem mit dem man sich konfrontiert sieht.
Worte ohne Sinn - ROT markiert.*

Eine ganze Generation hat sich die Wut auf die Fahne geschrieben.

Die wahre Wut, die einen packt. Die einen packen muss, wenn man 20 ist. Wahr ist, wenn Du begabt bist, packst Du diese Wut in schneidende Töne, hämmernde Worte, verschaffst Dir Gehör unter denen, die es ähnlich sehen. Wenn Du genial bist, tust Du denen da oben sogar weh. Du gibst den Nestbeschmutzer, den Stachel im Fleisch – bis die Feuilletons Dich mögen. Dann hat Dich das Establishment und die Kunst ist Dein Beruf. Es gibt kein Zurück für Dich, denn Du bist ewig 20. Bist Du 40 und kein Feuilleton bemerkt Dein Werk, hast Du eine Chance. Du hast die Chance ihnen weh zu tun. Denken die. Du denkst, Du bringst die Gesellschaft nach vorne. Du bildest einen Pol, findest Deinen Platz gleichermaßen in und neben der Gesellschaft.
Aber: Was ist mit der Wut? Du schätzt guten Wein, hast Dich politisiert, kennst die angesagten Künstler, willst Deine Ruhe haben.

Was ist mit der Wut?
Worte ohne Sinn, rot markiert?
Ja. Die gibt es. Ohne Ende. Und Du willst es noch immer. Du willst es noch immer niemandem recht machen, Außer denen, die Du liebst. Und die kennst Du inzwischen ganz genau. Und genau das macht Dich wütend. Das macht Dich wütender, als Du jemals zuvor gedacht hast zu sein.

Schon mal daran gedacht, dass es so etwas wie Generationen nur gibt, um Dir Deine Gefühle vorzugeben? Um Dir Dein Verhalten zu diktieren? Ab 30 wirst Du milder. Ab 40 kurz unzufrieden, dann gleichgültig. Scheiß drauf. Sei ehrlich. Denk nach. Dann wirst Du nicht ruhiger. Du artikulierst Dich anders. Anstelle von Hardcore tritt Kabarett. Aber: Glaubst Du echt, das macht einen Unterschied? Meinst Du, der Typ auf der Bühne, dem Du Deine Hände schenkst, ist mit 40 zu ruhig geworden, um Euch die Gesellschaft vorzuführen?

Und vor Allem: Glaubst Du wirklich, dass die Form die Rebellion bestimmt? Wenn Du das glaubst, bist Du für die Wut verloren.
Wenn Du das denkst, sind die Worte ohne Sinn rot markiert und Du hast die Wut aus Pflichtgefühl verspürt – gewollt. Weil Du 20 warst. Weil Du das Klischee bedient hast. Es geht nicht um die gereckte Faust, nicht um Gebrüll oder Parolen. Wer das glaubt hatte seine Zeit, aber nicht das Bewußtsein. Es geht ausschließlich um Mitgefühl, um Denken, nicht egal*2 , Wollen. Darum seinen Egoismus nicht auf dem Rücken andere auszutragen. Es geht nicht darum, die Worte rot zu markieren, sondern Worten eine Bedeutung zu verleihen, Worten Taten folgen zu lassen.

Worte – Freunde im Geiste, Ihr wusstet es auch mit 20 – können etwas bewegen. Sturm und Drang sind auch meine Weggefährten und ich mag so oft es geht verzweifeln. An Modernismen, an allem was sich in den Weg zu werfen bereit erklärt. Aber ich reiche Euch nun genau die erfahrene Hand, die Ihr anzweifeln müsst. Nämlich die des Verständnisses. Und wer will bitteschön denn verstanden werden, wenn er wütend ist? Mit 20? Mit 30? Ich etwa? Oh Gott, nein! Bleibt die Frage: Hört das jemals auf?

Was bleibt sind dann wohl am Ende ... Worte, rot markiert.
Und wir hoffen Generationen übergreifend auf Rückgrat. 
 
* Danke Escapado 2007
*2 But Alive ... und Kettcar
Wäre es nicht verlockend, eine Entscheidung rückgängig, ein Wort ungesagt, eine Handlung ungeschehen zu machen? Die ehrliche Antwort muss lauten: absolut! Wer wäre stark genug, gefeit gegen die Versuchung, folgeschwere Entscheidungen – oft aus dem Bauch heraus, einem Gefühl folgend getroffen – mit einem befreienden Achselzucken dem Niemalspassiertsein zuzuführen.
 
Wenn man ein Ereignis auf den Moment des eigentlich Erlebten fokussiert, den Sekundenbruchteil der Entscheidung alles erweiternd reduziert auf den Ausdruck, den Ausbruch einer Emotion; wenn man sich selber, seinen Willen, sein Unvermögen, sein Ich in einem Moment des Extremen als die Richtung gebende Instanz erkennt oder gar akzeptiert, wird man zu einem Punkt kommen, an dem man schlicht verzweifelt – oder eben erstarkt in einer nie vermuteten Freiheit, die, oftmals dem Abgrund die Hand reichend, eine – vielleicht die einzige – Alternative aufzeigt zum schlichten Gehorsam, zur Verneinung der eigenen Identität.
 
Die Texte in „Der Virologische Magnet“ nähren ihre Faszination aus der unfassbar kleinen, oft unsichtbaren Grauzone eines in sich geschlossenen aber niemals – weder zeitlich noch emotional – hermetisch abgeschlossenen Moments. Alles basiert auf einer Entscheidung. Einer freien Entscheidung. Alles passiert in einem Augenblick. Das ganze Leben ändert sich inmitten der Zeitraffer eines Augenaufschlags in einer Art, die nicht einmal der Besitzer des Auges vorhersehen kann.
 
Das kleinste Detail kann das spannendste, das alles entscheidende sein. Bösartige Anhäufungen von Adjektivismen können die Empörung hervorrufende Oberhand gewinnen über den von Empfindungen geleiteten Erzählfluss, der sich sperriger Weise nicht unbedingt als Pausenliteratur geriert.
 
Wer sich auf die Welt der immer unterschätzten, alles bestimmenden kleinen Dinge einlässt, wird mit Perspektiven belohnt, die Gedanken explodieren, Visionen entstehen lassen können.
Eine sich verneigende Plattenbelobigung

Die in Perfektion einander ergänzenden Songs sind in ihrer fließend homogenen Zusammenstellung das Nonplusultra einer unfassbar eingespielten Hardcoreband auf dem Höhepunkt ihres Schaffens, welches sich niederschlägt in der emotional ergreifenden Mischung aus kongenialer Instrumentierung, triefend süßen und ans Herz gehenden Melodien sowie brutal geschrienen Hardcoreabfahrten, abgerundet tiefgehenden Lyrics zwischen gesellschaftskritischen Aufschreien bis hin zu persönlichem Seelenstriptease auf literarisch konstant hohem Niveau.
 
Kein einziger Moment auf dieser Platte dient dem Selbstzweck, jedes Geräusch, sämtliche geschickt ineinander verschachtelten Übergänge dieser niemals ruhenden Platte, einfach alles fügt sich in ein großes Ganzes und transportiert die Gefühle einer natürlich an sich selber gewachsenen und letzlich großen Band kurz vor der freundschaftlich beschlossenen Auflösung, die dem Zerfall zuvorkommen, der Freundschaft die Ehre erweisen sollte. Ich verneige mich vor Boysetsfire.

Und sehe absolut positiv gestimmt über die Reunion in die Zukunft! 


Es ist schon erstaunlich wie sehr man eine Band vermissen kann, wenn sie sich einmal aufgelöst hat. Wie sehr es einen ergreifen kann, wenn man die letzten energetisch kaum zu überbietenden Zuckungen in Form eines Abschiedskonzerts immer und immer wieder anschaut und es einen mit wohligen Schauern angedenk des Erlebten durchflutet.Es ist erhaben wie stolz man auf die Entscheidung seiner Helden sein kann, sich in Freundschaft und inmitten eines kreativen Schubs aus den richtigen Gründen aufzulösen. Und dennoch war da immer diese eine Hoffnung, dass das bislang lauteste und formidabelste Wort um Himmels Willen nicht das letzte gewesen sein möge. Und plötzlich ist das so herbeigesehnte Gefühl einer erneuten Epoche, die es mitzuerleben gilt da. Kaum zu glauben nun, dass dieser Glücksfall, dieses Eintreten des musikalischen Sehnens, dennoch nicht den Stolz schmälert, den man damals empfunden hat, als sich Boysetsfire getrennt haben und dass es auch jetzt wieder das erhabene Gefühl gibt, diesen Jungs nur das Allerbeste zu gönnen und somit auch sich selber wieder in den Taumel zu stürzen aus Energie, Botschaft, Geschrei, gereckter Faust und genialen Melodien. Mögen diese kreativen Geistern in aller Freundschaft noch so einiges abfackeln im Sinne der Kunst und der Menschlichkeit! 

„Ich atme Glut“, sagte sie ohne einen Anflug von Schmerz
oder Unzufriedenheit.

Ein zäher Moment des Nachdenkens hinterließ seine klebrige Spur
auf den Randnotizen der verstreichenden Zeit und tropfte wie
frisches Harz zwischen seine Unterlagen, in denen er unmotiviert mit
kalten Fingern blätterte, gewiss, nicht das Geringste zu finden, das
ihr helfen könnte. Das ihm helfen könnte ihr zu helfen.

„Seit wann verspüren sie es?“, fragte er sichtbar hilflos. Er
schaute sie mittelbar an, so distanziert, wie es eben ging, wenn man
sich direkt gegenübersaß, getrennt von nichts als auf das Äußerste
komprimierter Zeit, die sich puffernd zwischen jedes seiner eisigen
Worte drängte, ganz als müsse sie die Bedeutungen eines jeden
trennen, um sie vor Gewalt gegen sich selber zu schützen.

„Ich denke, schon immer.
Ich habe es nur zuvor nicht gemerkt.“

Sie spürte seinen um Verständnis bemühten Blick. Seine Pupillen
schienen direkt in die ihren zu sehen, ohne sie jedoch wahrzunehmen.
Ein Blick, dem jede Wärme bereits abhanden gekommen war,
den man einsetzte, wenn man sich nicht die Blöße geben wollte,
auf den Boden, in die Luft oder in die Leere dazwischen zu starren.
Ein Blick, der noch viel schmerzlicher war als schlichtes Wegsehen.
Zwischen ihnen gab es einen Temperaturunterschied, den zu messen
kein Thermometer in der Lage gewesen wäre.

Ich bin hier, wollte sie rufen. Ich bin doch hier. Sie schwitzte.

„Ist es, wie ich es mir vorstelle?“, bohrte er halbherzig, beinahe
auch körperlich abwesend, und warf sich das Ende des dünnen
Schals über die Schulter. „Tut es weh, brennt es, ich meine ...
... ist es wie ...“

„Nein.“, unterbrach sie die sich selber in ihrer selbstgerechten
Masse bestätigenden und aufblähenden Worthülsen. Seine
sich selbst auf die Schulter klopfenden Hände gefroren vor ihren
funkelnden Augen zu Eis, fielen zu Boden und verteilten sich
splitternd in konturlosen Brocken auf dem Parkett, ohne auch
nur einen Kratzer, eine Spur zu hinterlassen.

„Ich atme Glut“, wiederholte sie sachlich und sah ihm durch
die erkalteten Augen in sein Herz. In diesem Moment wurde ihr klar,
dass sie sich nicht weiter würde bemühen müssen. Dieser Mann
würde eher in sich selbst gefrieren, als ihr auch nur einen Zentimeter
Verständnis entgegenzubringen. Er konnte es nicht.
Und sie wusste es.

Sie erhob sich mit einer grazilen Bewegung aus dem Sessel und
schmolz die gefrorene Zeit mit einem Moment knisternden Aufloderns,
um sie herum bildete sich eine funkensprühende Aura, die
ihn zurückweichen ließ.

„Ich werde nun gehen“, sagte sie ruhig und ohne Groll.

Der Mann konnte sie nur mit zusammen gekniffenen Augen
betrachten und musste seinen Schal lockern. Er wollte etwas sagen,
vielleicht um seine eigene Anspannung zu lösen, sein plötzlich
wahrgenommenes Unwohlsein zu mildern.

„Nein“, sagte sie und neigte ihren Kopf zur Seite. Der Mann
gefror in seiner Bewegung, die sich ausschließlich um seinen Mund
herum abzuspielen begonnen hatte und passte sich in Mimik und
Ausdruck seinen glazialen Augen an.

„Aber ... Ihr Problem ...“, zwang er sich pflichtbewusst
zwischen seinen Lippen als Laut heraus zu pressen. Seine Augen
waren, vielleicht aus Angst vor etwaigen inneren Verbrennungen,
nun nicht mehr als dünne Schlitze, aus denen sich nicht einmal mehr
ein Lichtstrahl als funkelnder Reflex zurück verirrte.

„Ich habe kein Problem“, sagte sie im Wegdrehen und
öffnete die Tür.

„Was ... was soll ich denn nun sagen, was Sie ...?“,
stammelte er, hörbar besorgter um sich selbst als um sie.

„Sagen Sie einfach“, erwiderte sie mit warmer Stimme,
während sich die Tür zu einem ihn nun vollends blendenden Spalt
verengte, „ich atme Glut.“

Sie schloss die Tür lautlos und begann ihr Leben.




Auszug aus "Der Virologische Magnet" - bald GRATIS auch über diesen Kanal - Also Augen auf!
Was ist eigentlich los mit diesem Land?
Während die lustige Regierung das Versagen in Reihe als Erfolg verkauft und mit dummdreist grinsenden Politikerdarstellern die Talkshows überflutet, zeigt der Staat überraschend anschaulich, wozu er doch im Stande ist, wenn man ihn reizt und wir stehen staunend wie die Kinder da und sind überrascht, geradezu geschockt.

Wenn man ihn mit Meinung konfrontiert. Stellvertretend für alle Hardliner mit Befehlsgewalt hat Herr Rech bewiesen, dass selbst unschuldige und nun wirklich nicht instrumentalisierte Kinder nicht vor ihm sicher sind. Merkt eigentlich keiner, dass der Staat den demokratischen Bürger beschützen sollte, der ihn ausmacht? Der Bürger IST der Staat. Herr Resch ist ebenfalls ein schlichter Bürger dieses Landes und als solcher hat er dermaßen daneben gegriffen, dass es uns eine Freude sein sollte ihn mit den friedlichen Mitteln der Demokratie bei der nächsten Wahl - so er sich denn überraschender- und skandalöserweise so lange halten sollte - zum Teufel zu jagen. 

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich stehe zu diesem Staat und unserer Demokratie und Menschen dürfen und werden immer Fehler machen. Aber jeder hat die Konsequenzen aus seinem Tun zu tragen und ein öffentliches Amt schützt nicht vor diesen Konsequenzen. Also lasst Herrn resch Eure Stimme hören und tretet hervor aus der kuscheligen Herde.


Trauer ist ein Zustand, den man nicht beschreiben kann, ohne dass man den eigentlichen Kern außer acht lässt. Trauer kann man nur fühlen und erleben. Trauer muss man ausleben und ich glaube man kann sie nicht teilen. Geteiltes Leid ist ein Mythos. Trauer ist auch Wut. Über die Welt, die im allgemeinen unfair ist, über sich selbst, der man die Chance etwas zu sagen verpasst hat, über das Ungreifbare.

Trauer ist reine Ohnmacht.

Aber Trauer ist auch ein perverser Appell an sich selbst etwas zu ändern. Sich selbst zu reflektieren. Und den Arsch hoch zu kriegen, sei es für den Verlust, oder für sich selbst. Trauer lähmt kolossal und Trauer tritt Dir in den Arsch, wie nichts Vergleichbares. Gewisse Gedanken verbieten sich plötzlich von vorneherein, weil sie der reine Hohn wären. Andere drängen sich in den Vordergrund und wollen bleiben. 

Was mich angeht, das dürfen sie gerne.


Ich denke, glaube, bin im Ernst überzeugt zu wissen, dass es unter allen kreativen Menschen auf der, sich den Luxus um so etwas Nebensächliches, da nicht vordergründig  Lebenserhaltendes kümmern zu könnenden, Welt einen wesentlichen Teil – bestimmt gut die Hälfte – gibt, die essentiell arbeitsscheu sind. Und ich spreche hier nicht von Architekten, Werbern, sonstwie gedacht oder gewollt Gebrauchskreativen, die sich das Leben mit dem existenziellen Zwang zur Hölle machen, einem tumben und nicht ansatzweise nach Genius verlangenden mobartigen Markt, verkaufsfertige Ideen liefern zu müssen. Es geht mir nicht im Entferntesten um jene, die ihr Geld, ihren Lebensunterhalt mit dem Generieren von Ideen verdienen, die man in Perfektion zum Ankurbeln der regionalen, nationalen, globalen, ja von mir aus dereinst multiplanetaren Geldmaschinerie  nutzen und missbrauchen kann.

Ich möchte eine zittrige, aber aufrechte Lanze brechen, für jene Freigeister, die im fahlen Zwielicht einer flitterigen RGB-zerschredderten Dokusoap auf schmuddelig abartigen Sendern, welche den Erstgenannten ihren Lebensunterhalt auf gleich zweierlei Arten erhalten, nur unzureichend und milieugerecht beleuchtet werden.

Wie oft wird der, wider besseren Wissens, hässlich verliftete Mundrest – so weit noch möglich – art- und standesgerecht verzogen, über diejenigen, die an der eigenen Wand zum über Umwege bezahlten Hängen gekommen sind. Wieviele Menschen schmücken sich, niemals vorhandenes Wissen und einen niemals zu erreichenden kulturellen Stand vortäuschend, verbale Dissonanzen nicht nur erzeugend, sondern auch mangels Gegenwehr enervierend und über seines Gleichen multiplizierend in die Welt tragend, mit der persönlichen Bekanntschaft dieses unfassbaren Genies, welches der Kunstwelt doch ach so viel zu geben habe, sich selber jedoch niemals von seiner eigenen, schicksalsbehafteten und somit kunststiftenden Biografie wird lösen können. Die Tragödie einer sich selbst erfüllenden Prophezeihung ist nach wie vor einer der besten Aufhänger für nicht weiter das Ego belangende Gespräche in einer Gesellschaft, die nichts Höheres gelernt, nichts Geileres kennen gelernt hat, als das monumentale, totale, persönliche Scheitern eines Individuums zum höchsten Gut zu stilisieren. Was gibt es Schöneres, Erbauenderes und vor Allem Sichereres, als einem anderen aus sicherer Entfernung zuzusehen, als zu applaudieren, dem beinahe beneidenswerten, da in naher Zukunft berühmten, im Optimalfall sogar unsterblichen Delinquenten gar in gespielt devoter Zuneigung zu huldigen, wie sich dieser in hilfloser Agonie seines schlicht um Existenz bemühten Tuns abrackert, seine Profession in Übereinstimmung mit einer adäquaten
Überlebensart zu bekommen.

Maler, Zeichner, Schriftsteller, Musiker, Bildhauer – alle sich selbst Ausdrückenden, Ihr Innerstes zu Äußerst Kehrenden, ihrem ganz persönlichen Drang nach Ausdruck ihrer noch viel persönlicheren Freiheit und Gefühle Strebenden – alle Künstler im Wortsinne, welchen unsere Gesellschaft durchaus diesen scheinbar privilegierten Namen - man muss sagen diesen vorsätzlich erhabenen Status – in ihrer ureigensten Gnade und Großzügigkeit zugesteht, sind hier auf eine Art, einem gefühlten Stand vereint, der sowohl ihren bipolaren Status in einer schizophrenen Gesellschaft, die zwar der sie dokumentierenden und kritisierenden Kunst bedarf, nach ihr als bleibendes und erhebendes Element dürstet, aber genau so viel Abstand von ihr nimmt, wie die Norm es gebietet, um die Kunst erst als Kunst anerkennen zu können, als auch ihre Protagonisten in einer Art verdammt und gleichzeitig voyeuristisch, absolut um ihre vermeidlichen Freiheiten beneidend beobachtet,    
dass ein in diesem bürgerlichen Umfeld normales Leben – nach dem auch Künstler mitunter dürsten – kaum oder gar nicht mehr möglich ist.

Paradoxerweise bin ich überzeugt davon, dass es eben nicht die Tatsache des Ausgestoßenwerdens ist, die Künstler in Scharen zu Anhängigen von Drogen unterschiedlicher Couleur macht – nebenbei für die Gesellschaft in ihrer Masse erwähnt, nicht ansatzweise zu verwechseln mit Abhängigen. Der anerkannte oder selbstbestimmte Pariah kann bestens ohne Drogen auskommen, hat er doch die Anerkennung der Massen, kritisch oder schlicht konsumierend – wobei erfahrungsgemäß erstere elitär-schwachsinniger, letztere breiter aber nicht weniger schwachsinnig, wenigstens in Bezug auf Kunst ist.

Es ist die anfänglich genannte Scheu vor Arbeit.
In der Tat hat wohl jeder kreative Geist unendliche viele kreative Ideen. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Quasi immer.

Kaum eine – immer auf die Masse gesehen (die mitunter auch aus 3 meinungsbildenden Kritikern bestehen kann) – dieser Ideen wird jedoch tatsächlich genutzt, soll heißen umgesetzt, verarbeitet, verwirklicht, erlebbar gemacht. Kein wahrhaft kritischer, insbesondere selbstkritischer – und mit den Mindestanforderungen an einen reflektierenden Menschen gesegneter, unabhängiger Geist, wird beispielsweise einem lediglich von Geltungssucht, gepaart mit einem übersteigerten Ego und der nachvollziehbaren Tendenz zum eigenen Überleben mittels Einsatz seiner beschränkten Mittel getriebenen „Künstler“ wie Jonathan Meese unterstellen, an einem Übermaß an Inspiration oder Wahrhaftigkeit zu leiden. Hier muss nichts raus. Hier will ein Individuum überleben, hat verstanden, wie man es wahrnimmt und spielt das Spiel mit. Und das funktioniert wunderbar. Das Individuum lebt, die Idee ist tot, oder auch niemals in die Reichweite einer Geburt geraten.

Der Künstlertypus über den ich hier spreche, ist von einer ganz anderen, durch und durch triebgesteuerten Art. Ihm wohnt eine Fähigkeit – welcher Ausdrucksart, welcher Kunstform sie auch immer sei –  inne, gepaart mit der unbändigen Lust diese ausdrucksstark auszuleben; sich nicht durch den ungezügelten Ausdruck seines Schaffens ein sorgenfreies Leben in finanzieller Unabhängigkeit zu verschaffen, sondern schlicht zu überleben, indem er sich ausdrückt; die Barriere zwischen der permanenten – und ich meine permanenten im Sinne von immerzu existenten und drängenden – Gedanken- und Ideenebene zu überwinden; die eigene Faulheit in den Schatten zu stellen.

Und genau an diesem Punkt kommen die – wie auch immer gearteten – Drogen ins Spiel. Fälschlicherweise ist die allgemeine Wahrnehmung, dass Musiker, Maler, Künstler im Allgemeinen zu Drogen tendieren, weil sie den Kick bräuchten, die Visionen, die körperfremde Substanzen ihnen erst ermöglichen. Ich behaupte reinen Gewissens und freien Herzens, etwas anderes. Die meisten Getriebenen, die Majorität der Künstler – so wie wir sie bezeichnen, kategorisieren und abstempeln würden – wie ich sie kenne, braucht und benutzt die Drogen, sei es schlicht und im überwiegenden Maße der Alkohol, als auch Gras oder im seltensten Falle Schlimmeres, für genau einen Schritt. Nicht um Ideen zu finden – was zumeist ein völlig schwachsinniger Weg ist. Nicht um sich von seiner Umwelt abzugrenzen oder gar in andere Sphären abzutauchen. Es ist um ein Vielfaches simpler, pragmatischer und entmystifizierender:
Die meisten Künstler benutzen die Drogen, um anzufangen zu arbeiten. 
Um den ersten Schritt zu machen, mitunter belanglose Vorarbeiten zu beginnen.
Um das oft wahrhaft langsame Vorkommen spannender, lustvoller zu gestalten, die eigentliche Arbeit im Wortsinn vorzubereiten und in handwerklichem Sinne den Grundstein für das große Ergebnis zu legen.

Eben: Um den Schritt vom schlichten, ungreifbaren Gedanken – den wir alle, alle, alle – ständig und immerzu haben, mit uns führen, weiter denken und schlussendlich zumeist verwerfen – umzusetzen. In eben jenes großartige Kunstwerk, welches viele von uns erdenken – ungedacht der zweifelsfrei nötigen  aber durchaus mitunter auch anzuerlernenden Fähigkeiten – aber nur wenige in die Tat umsetzten.

Reprise von derherrgott - 23. September 2009
Na, Ihr Übergroßen, Ihr zart über dem Boden Schwebenden, wie lebt es sich eigentlich als Übermensch? Wie fühlt es sich an, als jemand, der seinen ganzen Glanz einer Technologie verdankt? Fühlt man sich überlegen, obwohl die eigene Leistung bei diesem Schwanzvergleich nicht einmal eine untergeordnete Rolle spielt? Sie besteht einzig (leider nicht so allein, wie Ihr es gerne hättet) darin, als Konsument bewusst eine Entscheidung getroffen zu haben. Glaubt Ihr zumindest.

Dabei stört es Euch nicht einmal einer - natürlich den völlig individuellen Anschein wahrenden -Massenmaschinerie unterworfen zu sein, die Ihr kapitalistisch auf die Spitze getriebenes Vorbild im blind machenden Wesen der Religion findet. Auch der von Euch so freiwillig und mit einem feisten Grinsen im Gesicht hoch bezahlte Mehrwert ist ein schöner Schein. Eine schicke Fassade die Euch, das eigene Unvermögen kaschierend, auf ein kleines, durchgestyltes Treppchen verhilft, von dem aus Ihr Eure in die Luft gereckten Näschen von ein wenig Höhenluft umschmeicheln lassen könnt.

Ihr erwartet jede Neuerscheinung, jede materielle Blähung Eures Gottes mit unkritisch debil verzückten Gesichtern und willig gezückten Portemonnaies und feiert den Heiland, der Euch dies alles beschert hat. Der Euch befreit hat von der Tyrranei des schnöden Massengeschmacks, der den Pöbel bedient und ihm lediglich die technologischen Reste zum Fraß vorwirft, der ihn mit rückschrittiger Technik verblendet, auf dass Ihr - die Erleuchteten - noch heller strahlen könnt. Ihr seid so von Eurem eigenen Geschmack begeistert, trunken vor Arroganz und der – ich bin sicher, Ihr meint es ernst – Gier die Ersten zu sein, dass Ihr gar nicht merkt, dass der einzige Unterschied zwischen Ihnen und Euch darin  besteht, dass Euer Gott sich das elitäre Gefühl, welches Ihr Euch nur selber vorgaukelt, von Euch teuer bezahlen lässt.

Aber es ist ja auch gut so. Man erkennt Euch. Man kann Euch ausweichen. Man kann sich herrlich mit Euch amüsieren. Es ist ja nicht so, dass Ihr lediglich Eure Sakrilege, die Euch Euer Herr gegeben hat, benutzt, anstarrt, vergöttert, über sie redet und sie in Eurer Welt zu etwas Magischem erhebt. Nein, zu meiner und unser aller Freude tragt Ihr sie mit Euch herum, Ihr verkleidet Euch mit ihnen, Ihr schmückt Euch – so denkt Ihr – mit ihnen. In angesagten Cafés sitzt Ihr herum, meist leider allein, gebrandmarkt mit seinem blass glimmenden Zeichen, trinkt Latte Macchiato, tragt 80er-Jahre-Polohemden mit – wenn Ihr ganz wild drauf seid – hochgeschlagenem Kragen, die weißen Kabel hängen Euch träge aus den brav und modisch frei geschnittenen Ohren, die – ob sie wollen oder nicht – beschallt werden mit Konsens- und Gebrauchsmusik zwischen Café del Mar und längst verklungener Zukunftsmusik wie Jean Michelle Jarre.

Wann immer man einen der Euren erblickt sieht es geschäftig aus, als arbeite er rund um die Uhr. Stets bemüht etwas Neues, Großes zu erschaffen. Dabei surft er zumeist doch nur den großen Einfällen anderer hinterher, stets bestrebt sich im Glanze der Kreativen zu sonnen, noch ein wenig knuspriger zu erscheinen. Unfassbar oft verbirgt sich fürwahr ein Werber (oder einer von denen, die immer noch glauben, dass dies ein aus einem der folgenden Gründe anstrebenswerter Beruf wäre: ein Gehalt jenseits der Gut&Böse-Grenze, (Liechtenstein ich komme), eine wünschenswerterweise gerade 18 gewordene traummaßgebeutelte, mindestens aber 15 Jahre jüngere Frau, ein Wagen, der definitiv zu cool ist, um ihn noch umweltfreundlich nennen zu müssen). Es ist leider wirklich unfassbar oft ein Werber, oder jemand der gerne einer wäre, hinter dem blassen Schein jenes Gerätes, bei dem Weniger, pardon, Klarer mehr kostet. Und nicht weniger oft benötigt er Aufmerksamkeit, Bewunderung und – so eine Schmach – eine (eigene) Idee. Dummerweise hat ihm aber beim Verkaufsgespräch oder in der Selbstliebegruppe seines favorisierten Markenartiklers niemand darauf hingewiesen, dass Ideen, Kreativität, Eigenständigkeit, ein eigener Wille, selbstständiges – besonders unabhängiges – Denken, ja eine verdammte Persönlichkeit nicht als App verfügbar sind.

Was also nun tun? Schnell mal die üppig vorhandenen „Freunde“ auf Facebook abchecken? Ach nein, geht ja nicht, die sind schließlich gerade dabei, ihren Bauernhof auf Vordermann zu bringen oder sich gegenseitig den Arsch zu lecken – und das gut zu finden. Wo soll nur die entscheidende Idee herkommen? Weder Jean-Michelle noch Café del Mar bringen Rat, also hilft nur noch eins: Ablenkung! Da vorne sitzt ein Feind. Man erkennt ihn schon daran, dass man ihn kaum erkennt. Ein Gesichtsloser, der sein Fenster geöffnet hält, wie kann er nur? Schließlich ist es die Verschlossenheit, die verschworene Einheit, das Wissen um die bessere, die wegweisende und vor Allem nur Eingeweihten erschließbare Technologie, die spießige Besserwisser zur Elite macht.

Um Himmels Willen, was wäre, wenn jeder plötzlich einsähe, welch Potential in dieser Geheimwissenschaft steckt? Wäre der Eingeweihte plötzlich gar kein Opinion Leader mehr? Gäbe es von jetzt auf gleich keine Front mehr, die es aufrecht zu erhalten lohnen würde? Woher sollte der minderbemittelte, Faulobst liebende Freizeitexistenzialist nur die Abgrenzung nehmen, die er doch so arg für sein leider zu kurz, zu klein geratenes, ... aber lassen wir das, ... für sein – und es ist fast immer ein „er“ - wie auch immer geartetes Ego benötigt? Tja, scheiße. Sehen wir es einmal positiv. 
Aber erst im nächsten Teil der Apfelsaga ...

Reprise von derherrgott - 20. Juli 2010
In stummer Erwartung, was sich sichtbar zu nennen geriert, erhalten wir einen Eindruck in die Untiefen eines erfahrbaren Gefühls.
 
Und gefrieren in heraus geschriener Stille.
 
Ein großer Schritt zurück bedeutet von nun an Fortschritt.

Reprise von derherrgott - 22. Juli 2010
Gott, stets bewundert man diejenigen,
die gänzlich andere Talente ins Feld führen,
welches man doch selbst zu beackern lechzt.

Reprise von derherrgott - 22. Juli 2010
Und bist Du Dir uneins ob Dir Ungemach geschieht oder einfach nur ein paar Dinge geschehen, die sich nicht dazu eignen, Deinen Nachbarn zu erzählen, sei Dir sicher, dass Deine Nachbarn kaum ein gesteigertes Interesse dafür aufbringen werden, Deinen Eindruck in ihr flüchtiges Weltbild pressen zu wollen. 

Reprise von derherrgott - 22. Juni 2010
In Grunde ist es eine lächerliche Erkenntnis, angesichts unserer Allmachtsfantasien eine frustrierende Laune der Natur, dass ungeachtet der technischen Entwicklung und dem so leichten Fußes empfundenen Fortschritt, der Mensch noch immer auf derselben Stelle trampelt. Die Spur wird breiter, aber nicht einen Deut tiefer. Das Profil verändert sich, Materialien ersetzen einander. Die Beschaffenheit des Bodens, den es zu bezwingen gilt jedoch bleibt wie sie immer schon war. Ein unwägbarer Sumpf, der jeden ins Verderben lockt, der meint, dass Technik den Geist ersetzt. Und von eben dem haben wir gerade genug, uns über Wasser zu halten.

Reprise von derherrgott - 3. August 2010
Die Short Cuts in meinem Hirn:
Auf twitter.com unter dem hashtag #sms10
 
Erster Schrecken meinerseits über derartig viele Kravatten und Sackos in den Tönen Mittelgrau über Steingrau bis Schwarz, obwohl Social Media angeblich - O-Ton Johannes Kleske - "dreckiger undwilder" sein soll, als alles andere.
 
Beengtes Sitzen bei ohrenbetäubendem Schweigen des Auditoriums. Ich dachte ein Summit wäre mehr Gathering als Frontalunterricht, aber gut. Wieder was gelernt.
 
Erstes Aufatmen, dass ein gewisses und unterhaltsames Dissen und Battlen scheinbar auch in der inzestuösesten Szene möglich ist.
 
Jähes Erstaunen über die wiederum erstaunte Feststellung, dass man auch bei der Erstellung von Apps auf das CI des jeweiligen Unternehmens achten sollte - wow!
 
Grummelndes Akzeptieren, dass der KPI die Welt der Social Media regiert und die "Profis" einfach nicht loslassen können.
 
Ein sich langsam immer stärker verdichtendes Gefühl, dass wir hier über ein angeblich ach so revolutionäres Marketingfeld reden und dennoch alle Experten und Sichindernähevonsolchenwähnende mit dem abgeschmackten Präsentationstool Powerpoint langweilen.
 
Erleichterung bei der Erkenntnis, dass wenigstens die vielbeklatschte Alverde-Referentin auszubrechen wagt und der testosteronüberladenen Runde in persona vorlebt, was andere nur predigen: Authetizität und Bodenständigkeit. Einfach geil!
 
Das sich setzende und selbststreichelnde Gefühl, dass man eigentlich immer schon wusste worum es bei Social Media geht - Glaubwürdigkeit und Durchhaltevermögen - wärmt den vom üppigen Essen leicht überstrapazierten Bauch und streichelt das Ego.
 
Schales Gefühl beim Verlassen des Summits, sooo viel Neues nicht gehört zu haben und die Erkenntnis, dass die eigene Erwartungshaltung vielleicht ein wenig zu groß war, gepaart mit dem Stunde um Stunde stärker werdenden Drang, endlich wieder (kre)a(k)tiv zu werden und sofort loslegen zu wollen.
 
Ein ganz persönliches Fazit:
Mag der Weg auch schmerzvoll gewesen sein, ich bin wieder angefixt ... und muss dringend versuchen ein paar Sätze ohne Anglizismen zu sprechen. Vielleicht hilft mir dabei ja das Tourette-Seminar am nächsten Wochenende in Arschaffenburg.

Reprise von derherrgott - 2. September 2010
Schon gemerkt?
Wenn man auf der Straße Menschen begegnet, ist man sich um so ferner, je größer die soziale Kluft zwischen einem selber und dem Gegenüber ist.
 
Kommt der Passant, dem man sich unweigerlich beim Fortbewegen nähert, mit gehobenem Blick auf einen zu, so kann man davon ausgehen, dass er annähernd der gleichen sozialen Schicht angehört wie man selber. Je niedriger das soziale Standing ist oder auch nur empfunden wird - der Unterschied spielt hier keine Rolle - desto weniger ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Blicke treffen. Der anzugtragende Banker wird den Blick vom Obdachlosen ebenso abwenden, wie umgekehrt. Anzügler unter sich jedoch checken sich gegenseitig schnell ab und nicken sich dann vielleicht sogar ihres gleichen erkennend zu.

Achtet mal drauf. ist ganz spannend. Aber auch sehr ernüchternd. Denn nirgendwo kann man gelebte Oberflächlichkeit besser sehen, als auf der Straße.

Reprise von derherrgott - 14. September 2010
Konsens adäquat und optimistisch betrachtet, darf Murphy natürlich gerne weiter leben. Pessimistisch dagegen, wie ich mich in diesem Fall zwingen möchte zu denken, darf ich mir wünschen, dass dieser verdammte Typ, von dem alle behaupten, sein Gesetz würde allseits und unumstößlich gelten, endlich den Löffel abgibt.
 
Ist mal jemandem aufgefallen, dass Murphy nur deshalb so in seiner herbeigeredeten Allmacht gefürchtet wird, weil sich schlechte Nachrichten immer besser verkaufen als gute? 10 Menschen gestorben ist eine Nachricht. 10 Menschen geboren dagegen normal. Murphy ist der Bote der Katastrophe. Ungückliche Verkettungen werden nachverfolgt, kommentiert, archiviert. Dinge die dagegen völlig "normal", vermeidlich langweilig ablaufen, sind niemandem auch nur die Erwähnung wert. Wir schätzen das Böse und ignorieren das Gute. Wir zelebrieren den Untergang mit vorgeschoben warnenden Worten und zeigen dem glimpflichen Ausgang den Mittelfinger.
 
Murphy. Wer ist dieser Typ, dass er meint sich als unheilbringender Schatten über unser Handeln legen zu können? Murphy ist ein Arschloch! Und ich werde ihm von nun an die Gefolgschaft verweigern und sein Gesetz missachten.

Reprise von derherrgott - 13. September 2010