Anonymität der Freiheit vs. Diktat der Angst

 
Mein offensichtlicher Vorteil als Blogger? Simpel. Meine Meinungsfreiheit. Mein nicht weniger wichtiger Vorteil, den ich als Internet-User der allerersten Stunde definitiv niemals vergessen, noch verraten werde: Die Anonymität. Im Unterschied zu den – von mir im Übrigen überaus hochgeschätzten – Qualitätsjournalisten, muss ich mich nun in der aktuellen Diskussion, angestoßen unter vielen anderen, auch von unserem – aus Gründen des Identitätsschutzes hier nicht näher mit Klarnamen genannten – aktuellen  Bundesinnenminister, zum Glück nicht mit Klärung der (fachlich wahrscheinlich kümmerlichen) Tatsachen auseinander setzen, sondern kann direkt in Polemik verfallen, eben jenen Minister der Nichtteilhabe an der aktiven Netzgemeinde der frühen oder mittleren Jahre zu bezichtigen. Schlicht und einfach aufgrund seiner – von wem auch immer in seinem Berater-Stab real formulierten aber stets schlicht bleibenden– Forderung: „Das Ende der Anonymität im Internet.“

Ein weiterer, sogar der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des Bundestags vorstehender, natürlich mit Klarnamen ebenfalls hier nicht genannter Politiker, der bereits im letzten Jahr für so manch unterhaltsame Twitter-Meme gesorgt hatte, hat seinen fehlgeleiteten Aktionismus derart aus dem windowsschen Fenster gehängt, dass nicht nur seine extreme Fachferne, sondern auch seine persönliche Hanswurstigkeit peinlich offenbar wurde.

Wenn es Euch, liebe Politiker, nur um „Irre“ im Sinne des extremistischen Umfeldes geht, ganz gleich ob nun rechts oder links verortet, eine fast nachvollziehbare Motivation, wieder einmal genährt von aktuellen, geistesgestörten Massenmörder aus Norwegen, gibt es eine wundervoll gangbare Lösung. Lehrt Eure jeweiligen Gesellschaften Toleranz und Offenheit. Lehrt sie die Liebe zu Freiheit und Offenheit, den Unterschied zwischen Gemeinwohl und Gemeinheit. Bin ich Euch zu schlicht? Seid Ihr mir auch. Spannend.

Glaubt Ihr ernsthaft, Ihr könntet amoklaufende Vollidioten „verbieten“? Mit Zensur und Verboten gegen kriminelle Energien angehen? Die Geschichte hat es doch bewiesen. Könnt Ihr nicht. Ich verstehe sogar, dass Ihr das Internet aktuell als den ungeheuer rechtsfreien Raum anseht, der unkontrolliert das neue Babel, ach was sage ich, Sodom und Gomorrha darstellt, von dem die schlimmsten Sünden und Bedrohungen der Jetztzeit ausgehen. Ich verstehe auch, dass die puritanische Angst, des „Ich muss den eigenen Besitzstand wahren und habe keinerlei Ahnung wie das da funktioniert“ und das eigene absolute Unverständnis Euch diese Einschätzung suggerieren. Gleichermaßen nutzt Ihr diese Strukturen, um unfassbar unkontrollierbare Aktien zu handeln, Kriegshandlungen zu koordinieren oder Politik den Anschein der Transparenz zu geben.

Dummerweise ist Doppelmoral eine der am schnellsten nachweisbaren Schwächen im digitalen Zeitalter.

Man muss keinen, zum Glück randnotizbehafteten, Guttenberg bemühen, um zu beweisen, dass Lügen im Netz ungeahnt kurte Beine haben, wenn sie sich anmaßen, die Realität zu beschreiben. Ähnlich demokratisch, gerecht, wie im Falle des peinlichen Betrügers Guttenberg, geht es im Netz in wichtigen, politischen Angelegenheiten fast überall zu. Die Netzgemeinde hat eine Meinung. Und diese Meinung ist zum Glück weder zentral, noch einhellig. Aber eines ist sie immer: In der letzten Konsequenz demokratisch.

Würde also unsere oder eine andere Regierung mit ihrem leidlich anachronistischen Ansatz der Antianonymisierung des Internets Erfolg haben, zumindest auf Gesetzesebene, denn „real“ lässt sich dieser Gedanke spannender- wie glücklicherweise gar nicht umsetzen, die Freiheit des Individuums nicht mehr umkehren, müsste sie sich Gedanken machen, die sie sich scheinbar unverständlicherweise zur Zeit nicht macht. 12-jährige die sich mit Realnamen bei Facebook anmelden, um ihren Freunden private Fotos zu posten. Dissidenten in totalitär regierten Ländern, die ihren Klarnamen angeben, um demokratische Umstürze zu organisieren. Ihr wirren Geister, ist Euch eigentlich wirklich klar, was Ihr da fordert. Das Problem an Eure Vorstellungen ist, Ihr werdet die Zeit niemals zurückdrehen in die scheinbar gelobten Jahre vor der globalen Vernetzung. Ihr selber habt die Globalisierung gewollt!Ihr habt sie heraufbeschworen. Ihr habt sie mit Eurer Politik forciert. Und plötzlich bejammert Ihr eine Auswirkung Eures Tuns, ohne das große Ganze zu sehen. Ihr seid zu langsam. Schon gemerkt.

Nur nebenher. Ich selber benutze kein Pseudonym. Ich bin ich. Auch hier im – ach so – kriminellen, anonym verzerrten, gar maskierten Raum. Ich bin ich auf Twitter, dem wohl ehrlichsten und spontansten Medium, derer die Ihr fürchtet – zumindest fürchten solltet. Facebook, das Paradies der Klarnamen und Zurschaustellung der eigenen Identität, ist niedlich, ein familiärer Schafstall, in dem Menschen, die Eure penible Sorge nochmals unterlaufen, äußerst private Fotos ihrer Kinder einstellen, ist nicht Euer Problem. Diese Plattform ist Eurer Datensammelsucht doch eher zuträglich. Seid einfach ein wenig ehrlich. Ihr fürchtet das politische Kollektiv, den realen Menschen mit Meinung. Dem Bestehen Eurer merkwürdigen Kaste, zumindest in der korrupten, lobbygeleiteten Form, wie sie sich derzeit den „neuen Medien“ (wann seid Ihr eigentlich aufgestanden?) gegenüber ängstlich manifestiert, wurde leider schon zu lange zugeschaut und erst das „Mitmach-Medium“ Internet scheint hier die konzeptionellen Risse zu nutzen, die sich schon seit Unzeiten zeigen.        

Ich, als Privatmensch Markus G. Sänger, habe keinerlei Probleme, mit Gruppen wie „Anonymous“, die den Finger in die aktuelle Wunde legen. Ich verstehe aber jeden meiner Freunde auf Twitter, Blogger oder sonstwo, die sich angesichts solcher Umstände sicherer fühlen, unter einem absoluten Pseudonym zu schreiben. Deshalb breche gerade ich eine Lanze für alle jene, die dafür kämpfen, das Netz anonym zu halten. Ihr   habt Ihr eigentlich auch nur eine ungefähre Ahnung davon, wie aktiv das Netz sich selber kontrolliert, sauber hält und reguliert? Nein, habt Ihr natürlich nicht. Weil Ihr kein Teil der Netzcommunity seid. Weil Ihr nicht verstehen könnt, wie Meinungsfreiheit außerhalb staatlich kontrollierter Mechanismen funktionieren kann. Weil Ihr schlicht nicht akzeptieren wollt, dass Menschen frei sein wollen. Menschen, die nicht zwangsläufig „Böses“ im Schilde führen. Die sich nicht zwangsläufig am Zersetzungsprozess der Gesellschaft im demokratischen Sinne befleißigen. Ihr solltet EINES einfach mitnehmen: Das Netzt ist das Demokratischste was es jemals gab. Und das Zweite, was Ihr mitbekommen solltet ist, dass die Netzgemeinde kein rechtsfreier Raum im Sinne moralischer Verrohung ist. Die alte Tante Moral genießt hier durchaus einen guten Ruf. Ein Ruf, dessen Ihr Euch nicht habhaft fühlen dürftet. Ein Regulativ, welches im Unterschied zu so vielen fragwürdigen Staatsformen, die Ihr mit Eurer Politik – Waffenkäufe, strategische Partnerschaften, imagefördernde Staatsbesuche – unterstützt, mit sich im Reinen ist.

Nehmt es einfach mit:
Ich bin genau der, der ich vorgebe zu sein. Weil ich es kann – Euer Glücksfall. Und wenn es Menschen gibt, denen dieser unglaubliche Luxus nicht vergönnt ist, die sich mit Eurer Beobachtung unwohl fühlen, oder die schlicht keine Lust dazu haben oder schlichten und ehrlichen Spaß an Maskerade haben (spießiger, bürgerlich anerkannter Karneval, merkst Du was?), so ist dies kein Ausdruck verbrecherischer, terroristischer oder zersetzender Tendenzen, sondern schlicht sein oder ihr Bürgerrecht.     
  
Wer sich anschickt, das Internet derart reglementieren zu wollen, als wäre dies die gewohnte Realität, hat es schlicht nicht verstanden und ist zum Anderen leider KEIN lupenreiner Demokrat.


Buddelschiff einer verlorenen Generation

Besonnenheit wähnt sich geduckt
inmitten einer Apathie
die sich höchstselbst den Ursprung gab
denn kleiner war sie sicher nie
als jetzt da sie sich setzen kann
ins reine Licht von Ja und Amen
behütet sicher vor Gefahr
so simpel sind die kleinen Dramen.

Verlegenheit gibt sich die Ehr`
in unsagbar verpeinlicht Stolz
des einen Seele ist aus Zeder
des anderen aus Eichenholz.
Wo einst die Axt und Tat beriefen
die Freiheit um das Wort zu ehren
bleibt stumpf daheim der Meinungsschild
es gilt das Hab und Gut zu mehren.

Geh aus mein Herz und suche Sinn
zu billig ist das pure Haben
Wenn Auge, Ohr und Rumpfgefühle
versuchen sich an Tand zu laben.
Wenn Massen stur ohne Verstehen
sich kreiselnd winden um das Kalb
das schon vor Monden nichts mehr wert war
Statt Gänze ist es mehrfach halb.

Die Feigheit ist nun losgelassen
das Imitieren Konsensstrom
Die Feigheit ist nun losgelassen

Die Strahlkraft von Marken und deren Halbwertzeit

Wenn ein Mensch, ein Kunde, das Produkt einer Marke kauft, so soll diese immer auch den ihr innewohnenden Glanz, ihre imagetragenden Eigenschaften auf ihn abstrahlen. Handelt es sich um eine Lifestylemarke, ist dies sogar ihre hauptsächliche Aufgabe. Die tatsächlichen, real beschreibbaren und technisch immanenten Produktvorteile müssen hier umso weiter in den Wahrnehmungshintergrund treten, desto aufgeladener das betreffende Produkt mit ideellen und subjektiven Attributen daherkommt. Der Käufer wird zum Fan – in schlimmeren Fällen sogar zum Abhängigen in einem religiös verblendeten Sinn – und trägt jenes seine eigene Wahrnehmung auf sich selber enorm steigernde Produkt voller Stolz gut sichtbar mit sich herum, selbst oder gerade auch, wenn es sich nicht um ein Kleidungsstück handelt. Soweit so gut. Die verehrten Wirtschaftler würden sich in einer Win-Win-Situation wähnen und frohlocken.

Nun gibt es jedoch jene Differenz zwischen von Käuferseite gewollter und real gefühlter Abstrahlung und der andererseits ebenfalls realen Aufnahme des Markenglanzes bei Dritten, bei den Rezipienten des Schauspiels. Und ein solches ist es nur all zu oft, wenn sich Markenjünger mit dem Objekt, dem Logo ihrer Begehrlichkeit in die Öffentlichkeit begeben, selbstsicher und behütet durch ein überbodenes, aber eben nur geliehenes Selbstbewusstsein, ihr eigenes Ich mit Imageversprechen aufgeladen durch die Realität chauffieren. Der leuchtende Apfel, der flachste Tablet-PC, das schlichteste Smartphone verschaffen seinem Besitzer gefühlt jene zusätzliche Begehrlichkeit, die das eigene Sein seinem Träger bislang versagt hat. Der mühevoll – und teuer – geshapte Body mit dem perfekten und selbstverständlich sichtbaren BMI wird erst perfekt durch den geleasten Sportwagen, der ihm den richtigen Auftritt verschafft. Ausstrahlung auf Pump. Dieses auf den ersten Blick inhaltsarme Verhalten verfehlt seine Wirkung definitiv fast niemals bei Menschen, die ähnlich ticken, wie der Imageträger, denen der konsumierbare Artikel, gleich welcher Couleur, ebenfalls Halt und Sicherheit verleiht, die Marken wie Parfüm tragen. Nachvollziehbar – umgibt man sich doch auch eher mit seinesgleichen, sucht die gleichen Lokalitäten auf, wie die Menschen denen man imponieren möchte und die einen imponieren, mit denen man sich in einem ständigen Schauwettkampf befindet, die man zu übertrumpfen das letzte monetäre Hemd zu geben bereit ist, solange es den eigenen Glanz heller erscheinen lässt.

Leider hat jede Bewegung seine Gegenbewegung. Jede Marke seine Antimarke. Spiderman hat Venom, Apple hat Windows, Facebook hat Twitter. Und nun wird es spannend. Denn in der jeweils anderen Szenerie, im beinahe weltbildlichen Zusammenhang des Konträren verliert die auf der einen Seite unglaublich wertvolle, teure und Beifall fördernde Marke mit einem Schlag all ihre Strahlkraft und jeglichen Wert, sobald sie auf der anderen Seite wahrgenommen wird. Die Vorzeichen kehren sich um. Was gerade noch in der eigenen Umgebung den eigenen Status enorm beflügelt und gefestigt hat, lässt einen nun von jetzt auf gleich zum Hanswurst werden, der sich sein nicht selten zu kleines Ego mittels Marken hat aufspritzen lassen. Die Intensität der Wahrnehmung leidet darunter in keiner Weise, denn Feindbilder sind beinahe noch stärker als das Vertraute. Jeder nimmt die vermeidlich feindliche und hassenswerte Marke beinahe stärker wahr, als die selbst begehrte.

Spannenderweise kann man diesen Prozess in jeglichem sozialen Umfeld beobachten. Hier geht es nicht um Schichten, soziale Klassen oder kulturelle Determination. Das fängt bei Biermarken an, geht über die Devotionalien von Fußballvereinen – hier bereits sogar auf Stadtteilniveau – hört bei Musikinstrumenten noch lange nicht auf, findet einen perversen Peak bei Unterhaltungselektronik, spaltet ganz eklatant bei Musikstilen und deren Protagonisten und endet nicht bei Kraftfahrzeugen, Bekleidungsfirmen oder Nahrungsmitteln. Natürlich geht es auch immer darum, wie wertvoll sich eine Marke, ganz simpel im Sinne des Preises, darstellt. Aber das Phänomen auf diesen einen Punkt zu reduzieren wäre zu simpel. Nicht jeder, der sich einen BMW leisten könnte, tut dies auch. Unabhängig vom Preis steht hinter jedem Produkt mittlerweile eine Weltanschauung und Marken clustern sich zu Markenweltbildern. Ich könnte zwar nun die Theorie aufmachen, dass das Kaufen von Strahlkraft, also das Bedienen an fremder Leistung zur Steigerung des eigenen Status umso weiter verbreitet ist, desto kleiner das real vorhandene Ego des Betreffenden sich darstellt, aber zum einen wäre dies sogar mir zu simpel und zum anderen ist es in der Tat weitaus komplizierter. Dennoch setze ich letztgenannte Theorie als noch abzustufendes Massenphänomen bedingt voraus.

Fakt ist, dass die Halbwertzeit der gekauften Markenstrahlkraft ohnehin ausschließlich in der eigenen soziologisch angepassten Umgebung funktioniert. Verlässt man dieses sichere Terrain, nützt einem keine Marke der Welt, um die Lücken der Unsicherheit wettzumachen und mit Glanz zu kitten. Dies zu verstehen, besser einzusehen, fällt jedoch logischerweise unglaublich schwer, ist doch die eigene Wahrnehmung immer noch dieselbe. Deshalb gibt es sie ja auch, die zum Teil peinlichen Momente, in denen allen, außer dem Markenjunkie selber bewusst ist, welche arme Wurst sich gerade mit Hilfe gekauften Respekts durch den Moment laviert – aber auch die erhebenden Momente, die einen auf sich selbst bezogen eine Art perversen Frieden finden lassen, wenn man es schafft, das eigene Verhalten, die eigene Zurschaustellung einer Meinung, untermauert durch die dieses Verhalten unterstützende Marke als jene Stärke oder Weitsicht zu sehen, die nicht zu haben man den anderen – bestenfalls der Masse – unterstellt.

Ich möchte hier weder über die Marken urteilen, die sich dieses psychologische Manko ihrer Kunden zunutze machen, noch über die Menschen, die sich ihres Verhaltens zumeist durchaus bewusst in diese spannende, bezahlbare Abhängigkeit begeben, aber eben auch genau das zurückbekommen, was sie ansonsten vermissen müssten, gehöre doch auch ich zu irgendeiner Clique oder Anti-Clique von Verbrauchern. Und so bejubel ich den Umstand des Abglanzes definitiv und möchte ihn und all seine Begleiterscheinungen, skuril oder peinlich, lachhaft oder ehrenwert, nicht missen.