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Wann immer man als Musiker nach musikalischen Vorbildern gefragt wird, und das ist im Grunde ständig der (freie) Fall (sogar, wenn man im Grunde kein Musiker sondern Schlagzeuger ist), antwortet man zumeist vorschnell und im Grunde nicht wirklich ehrlich. Zum einen hat man natürlich welche, zum anderen sind die aber eventuell so peinlich, dass man sie lieber niemandem verrät.

Aber wer sollen die auch sein, die musikalischen Vorbilder? Etwa die Typen, denen man in der Kindheit und Jugend nachgehangen hat wie nichts Gutes, dessen Poster man an der Kinderzimmerwand hängen hatte und die man bis aufs Blut gegen seine Eltern verteidigt hat, nur weil man eben damals jung und empfänglich war für alles Neues, egal was das war und woher das kam? Paul Young? Manowar? Kajagoogoo? Mike Oldfield? Paul Hardcastle? Echt jetzt?

Oder vielleicht die Musikschaffenden, die einen dann abgeholt haben, als man sich dessen schon bewusst wurde, was man da hörte? Die Steigbügelhalter des eigenen Geschmacks? Helloween? Joy Divison? AC-DC? Die Waterboys? Fields Of The Nephilim? Led Zeppelin? They Might Be Giants?

Um nicht falsch verstanden zu werden, alle diese Bands hatten (und haben teilweise bis heute) ihre Zeit in meinen Ohren, aber je älter ich wurde, desto mehr wurde mir klar, dass ich mich in meinem eigenen Schaffen guten Gewissens nur auf jene Musiker würde beziehen können und wollen, die ich von ihrem Wesen her schätzte. Das, wofür sie oberflächlich standen, eben die Musik, musste mir natürlich in erster Linie gefallen, mich flashen, wegfegen, umhauen und faszinieren – aber all das war im Grunde nichts wert, wenn (ganz wichtig) die Texte belanglos, nebensächlich oder schlicht auch nur schlecht waren, wenn da kein bisschen Haltung von der Band ausging, egal ob politisch oder persönlich, oder wenn die Musiker dahinter einfach nur Arschlöcher waren.

Daher kommt es natürlich auch, dass ich so unterschiedlichen Musikrichtungen mein Ohr leihe, für so vieles brenne. Diesem Umstand habe ich im Übrigen auch zu verdanken, dass ich weiterhin Neues entdecken darf, nicht limitiert bin auf einen Stil, eine Schublade und schon gar nicht auf das bisschen Musik aus meiner frühen Jugend. Es ist – und das sollte es immer sein – so was von scheißegal, wie das was die Menschen, denen Du da zuhörst, die da Musik machen, heißt, klassifiziert und abgestempelt wird. Ich selber stempele allerdings natürlich auch. Logisch.

Wenn man mich also allen Ernstes nach meinen musikalischen Vorbildern fragt, dann müssen das gar nicht mal unbedingt die Bands sein, die ich am liebsten höre.

Vielleicht höre ich heutzutage selten die Housemartins, liebe aber ihren Ethos, ihren 5-Jahresplan, den sie eisenhart durchgezogen und an deren Ende sie sich konsequenterweise und m it großem Witz, dargebracht in aufeinander folgende Videos, aufgelöst haben.

Vielleicht ist John Bonham an seiner eigene Kotze erstickt, aber er hat ein gnadenloses Energie-Schlagzeugspiel etabliert, was noch heute, 38 nach seinem Tod, seines gleichen an Intensität und Wucht sucht.

Vielleicht sind die powermetalisierenden Blind Guardian nicht der Konsens an gesellschaftsrelevanter Musik, aber sie haben mir gezeigt, dass Musik mehr ist als bloßes Rezipieren, dass man in Musik eintauchen kann, vor allem aber, dass die Musik eine Heimstatt sein kann für fantasiebegabte Nerds. Nicht nur das vage Gefühl, nicht alleine zu sein, sondern das dahingehend eingelöste Versprechen, das damals nur der Metal halten konnte.

Vielleicht ist Lemmy immer schon ein versoffener Hurenbock gewesen, aber er war der gewissenhafteste versoffene Hurenbock der Welt. Jeder kann Dir Scheiße erzählen, Du wusstest aber genau, Lemmy tat`s nicht. Schlicht und einfach, weil er es nicht brauchte. Von Lemmy lernen, heißt lernen ehrlich und offen, schlicht authentisch zu sein.

Vielleicht sind Thin Lizzy heutzutage nur noch wirklichen Rockmusik-Fans ein Begriff, vielleicht hat Phil Lynnot ein paar Drogen zu viel konsumiert. Das alles ist in diesem Fall komplett egal, denn diese Band hat Iron Maiden ermöglicht, überhaupt die ganze NWOBHM, die mich als Teenager genau deshalb geprägt hat, weil die Instrumente miteinander geredet haben. Es war nicht wie im Punk, wo jedes Instrument sein Ding gemacht hat, und das möglichst laut. Es war nicht wie im Wave, wo die Isolation, möglichst großer Abstand von jedem zu jedem das große Ding war. Es war ein Zuhören, Reagieren, Aufnehmen und Interpretieren. Das ist für mich der Inbegriff von "zusammen Musik machen".

Vielleicht sind das alles nicht wirklich die Musiker, deren Schöpfungen mich alltäglich beschallen. Vielleicht ist es ein Mike Ness, der mit seinem legendären Satz "You can take the boy out of Punkrock, but you can`t take Punkrock out of the boy" zu sehr viel Gelassenheit in meinem Leben beigetragen hat. Vielleicht sind es meine Lieblinge von Boysetsfire, die zwar auch nicht jeden Tag bei mir rauf und runter laufen, die mir aber dennoch aufgrund ihrer positiven, lebensbejahenden Haltung immer wieder neue Energie geben auch und gerade im Hinblick darauf selber kreativ zu werden.

Vielleicht sind es gerade nicht die technisch versierten Musiker, die perfekten und glatten,  die unfehlbaren und unerreichbaren, die zum Vorbild taugen. Vielleicht sind es gerade diejenigen, die schon mit ein oder zwei Beinen durch ihre private Hölle gegangen und gestärkt daraus zurück gekehrt sind. Vielleicht achte ich eben doch viel mehr auf die inhaltsschweren, die komplizierten, sperrigen Texte, als auf die, die in purer Schönheit erstrahlen.

Vielleicht sind genau aus all diesen Gründen meine musikalischen Vorbilder diejenigen, die etwas zu sagen haben, die auch dann nicht damit aufhören, wenn keiner zuhört (um es mit FJORT zu sagen: "die das Maul nicht halten können, weil es sonst jeder tut"). Vielleicht geht es um Haltung und Humor – ja, das geht zusammen. Ich bin dankbar für jeden einzelnen dieser Menschen.

Vielleicht sollte ich das Wort "vielleicht" durch "ganz bestimmt" austauschen.



Ja klar, das alles ändert sich. Es ist gerade 23 Uhr. Und unter anderen Umständen zu einer anderen Lebenszeit, saß ich zu dieser Uhrzeit in einem Regionalexpress von Herne nach Mönchengladbach und habe, nach einer Luzifer Sam-Probe relativ angetrunken Texte in mein Skizzenbuch geschrieben. Mein Skizzenbuch. Das war eine großartige Sache, leider wirklich kein Vergleich zum heutigen "Ich hacke die Idee mal eben ins Smartphone". Das war ein sinnliches Erlebnis, nicht nur weil immer irgendein entweder noch betrunkener Mitfahrer etwas loswerden wollte, oder der Schaffner, den man dann doch auch irgendwann persönlich kannte, etwas auf dem Herzen hatte.

Jetzt leuchtet da oben am Rand des Displays, während ich das hier nicht mit Tusche oder Kuli auf Papier kritzel, sondern natürlich ins Display tippe, eine Push Mitteilung von Twitter auf. Ich liebe es, bevor da Zweifel aufkommen. Aber jetzt, heute, sitze ich in einem ergonomisch astreinen Sessel mit der neuesten Visions in der Hand (wenigstens DAS ist seit unglaublichen fast 30 Jahren gleich geblieben) und zappe analog zum gerade gelesenen Artikel durch Spotify und genieße unendlich viel tolle Musik.

Das ist weder besser noch schlechter als früher, es ist nur anders. Klar, ich genieße diese allzeitige Verfügbarkeit von Musik, von Kunst und Kultur, aber zum einen weiß ich selber, als Musik Schaffender, sehr genau, was das den Menschen in Wahrheit kostet, der diese Musik hervorbringt und was er davon (eben nicht) hat, zum anderen war die Spannung, die man "früher" (was für ein Opa-Wort) aufgebracht hat, um an ein neues Album zu kommen, um ein so unglaublich Vieles immenser, größer, irrer, dass ich noch heute ziemlich genau weiß, wann und wo und mit welchem Gefühl ich ein paar wegweisende (oder einfach nur für mich geile) Platten gekauft, ausgepackt, gehört, gerochen (und gelesen) habe.

Ich genieße die Möglichkeiten, die sich heute bieten Musik zu rezipieren ungemein, anderes zu behaupten wäre unlauter, aber ab und an um 23 Uhr vermisse ich meinen Bassisten Till, das Sternrätsel, Diskussion über Slayer und einen gepflegten Rausch mittels Dosenbier im Regionalexpress.



Wir machen ja nicht erst seit gestern Musik, und so hänge ich auch schon ein paar Jahrzehnte mit diesen "Musikern" rum. Allerdings habe ich sie noch immer nicht in Gänze ergründen können. Von verstehen will ich hier erst gar nicht reden. So weiß ich auch noch immer nicht in letzter Konsequenz einordnen zu können, dass mir innerhalb der letzten zwei Wochen bereits zwei mal von "Musikern" attestiert wurde, dass ich "echt geil asi" trommeln würde. Was bei einem normalen Schlagzeuger zunächst einmal die völlig natürlich Reaktion eines spontanen Gewaltausbruchs hervorrufen würde, war in diesem Fall jedoch - ich lerne beständig - durchaus als Kompliment gemeint. Mag sein, dass es an meinem Hang zur musikalischen Gewalt in Verbindung zum unzulänglichen technischen Vermögen liegt. Ich glaube auf jeden Fall - und das ist schon schlimm genug -, dass ich weiß, was sie gemeint haben.

Und das ist wahrscheinlich auch der Kern von "Genosha". Die zehn Songs, die derzeit im Hagener Goldsound-Studio entstehen, sind wesentlich roher, lebendiger, drängender, als die meisten Porter-Songs zuvor. Würde man diesen Songs ein cleanes, glattgebügelte High-End-Klangbild geben, man würde sie ihrer Seele berauben. Wir haben nicht lange mit unseren großartigen Produzenten Lars und Massimo (ja, auch solche "Musiker") oder auch Martin vom Goldsound (zum Glück ein Schlagzeuger) über die Ausrichtung der Songs, und den Sound den sie benötigen, reden müssen. Wenn man die Riffs hört, weiß man sofort, dass muss pulsieren, das muss atmen, das will nach vorne gehen. 



Inhaltlich, textlich baut Genosha natürlich auf dem, bereits klare Stellung beziehenden, Wolkenstein auf, geht aber weiter, wird dringender. Die Zeiten lassen eine unklare Haltung nicht mehr zu. Und so ist Genosha vielleicht der saure Bruder von Wolkenstein, der aufrecht aber mit geballter Faust im Raum steht. Nicht verbittert, aber entschlossen.

Ich lies ja bereits die ein oder andere Musikerplattitüde heraus, als ich sagte, das neue Album würde "das beste Album werden, dass wir jemals gemacht haben" (stimmt ja auch). Jetzt setze ich noch einen drauf und sage: Die Aufnehmen zu Genosha lassen mich das erste mal sicher sein, dass wir auf einer Platte exakt so klingen werden, wie wir klingen wollen.

Das Verdienst hierbei geht nicht zuletzt auf das Konto unserer drei Studiozauberer, die uns genau den Sound bescheren, der Genosha verlangt:

und der ist vielleicht auch "so`n Bisschen asi". 




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Man kennt das. Bands, die das Glück haben, bereits ewige Jahre zusammen zu spielen, die Stärken und Schwächen der Mitmusiker im Detail kennengelernt zu haben, und im Grunde den Moment verpasst haben, selber mitzubekommen, dass man das, was man wirklich gut kann, so lange wiederholt, dass das Wort Inspiration weder Hülse, noch gewollten Hohn, sondern schlicht verloren gegangen ist. Man beginnt sich zu langweilen. Man nimmt plötzlich eine CD mit Coversongs auf, ein Best Off oder gleich ein Livealbum mit den besten Coversongs.

Bei uns ist das, was da gerade passiert, komplett anders. Nach dem letzten Album und wahrlichem Erlebnis "Wolkenstein", das uns scheinbar - nach dem Weckruf "Damocles" von 2011 - als Band erst so richtig geformt hat, im Grunde dafür gesorgt hat, dass wir uns gegenseitig erst wirklich als die Menschen und Musiker schätzen gelernt haben, die wir jeder für uns selbst sein wollen, ist der jetzige Prä-Genosha-Status von Porter einer der spannendsten Phasen sämtlicher Bands, deren Teil ich bislang sein durfte.

Nicht umsonst schreiben wir auf jede unserer Veröffentlichungen, das bei Turbostaat entliehene Versprechen, dass Porter exakt die Summe aus den 5 Mitgliedern waren, sind und immer sein werden. Was nicht weniger bedeutet, dass wir als Band sicher sind, sofort zu existieren aufzuhören, falls einer von uns nicht mehr dabei sein kann oder will. Wir sind nicht für die Ewigkeit gebaut und genau das macht uns geradezu unverwundbar. Wir haben künstlerisch alle, alle, alle Freiheiten und nur wir selbst können uns stoppen.

Es fühlt sich gerade einfach nur gut an, Genosha zu gestalten. Die ursprünglich bloße Idee Genosha mit Leben und Energie und Herzblut zu füllen. Ich bin übrigens überzeugt davon, dass jeder von uns - die wir zum Glück genauso verschieden sind, wie unsere musikalischen Vorlieben - sein ganz eigenes Genosha erlebt in dieser spannenden Lebensphase von Porter. Was uns wahrscheinlich eint, ist das Gefühl, vom Energie- und Substanzlevel, wieder zu unseren Wurzeln zurück zu kehren. Und damit meine ich nicht die Wurzeln von Porter, sondern den Grund eines jeden von uns, der uns einst dazu brachte, Musik als künstlerische Ausdrucksform zu wählen oder sich wählen zu lassen. Es ist Energie. Die rohe, die pure die laute.

Es ist das Gefühl zu Hause zu sein!

Und auch, wenn Volkers Speedmetalherz sich gewiss mehr Geschwindigkeit und ausladendere Enden wünscht; auch wenn Lars sich den Sound von Danzig I bis III in Reinkultur wünsch;, auch wenn Frank musikalisch eine katatonische Starre und mehr progressive Elemente wünscht; auch wenn Christian sich gewiss Musiker wünscht, die das was er uns erzählt, verstehen würden; und auch, wenn ich selbst mir wünsche, dass wir noch viel mehr Elemente des Hardcores integrieren: es ist gerade richtig spannend!

Scheißkulturwichser, wir. Ich höre die Stimmen. Aber wisst Ihr was? Das, das, genau das ist Freiheit! Wir haben uns nie gesucht. Aber wir haben uns dennoch gefunden. Und das, genau das ist pures Glück. Und aus diesem Glück - nicht aus Frust, Angst Not oder sonstigem Leiden - wird ein Album entstehen, dessen Existenz wir herbeisehen und an dem Ihr alle uns messen könnt.

Das Glück, Genosha produzieren zu können, bedeutet jedoch nicht, dass wir zufrieden wären, was dieses Land angeht. Zufrieden, was die Gesellschaft und seine populistisch angstgeprägten Minderheiten angeht, die sich auf die jämmerlich wehende Fahne das Fanal des Hasses und des Abschottens gekritzelt haben. Unsere Texte sind definitiv politisch. Und ich persönlich, als Autor, möchte sie genau so wahrgenommen wissen. Und das Geile an dieser, unserer Band ist, dass wir politisch oder religiös nicht einmal aus einem Lager kommen. Wir haben die unterschiedlichsten Ansichten über die Existenz eines liebenden Gottes oder dessen Sinnlosigkeit. Wir wählen Parteien aus dem gesamten rechtsstaatlichen Spektrum. Porter ist bunt, offen tolerant (außer wenn es um Fußball geht) in jeder Hinsicht, vielleicht unser größtes Pfund. Toleranz.

Und trotz unterschiedlicher Ansichten, gibt es nicht den mindesten Dissens, dass wir festen Willens vereint gegen jede totalitäre Struktur stehen, gegen Hass der sich gegen Minderheiten richtet, gegen jede Art von Rechtsextremismus, sei es der alte, der neue, der verdammt noch mal postfaktische der Idioten.

Falls Ihr also gewillt seid, offenen Ohres eine offene Gesellschaft, jenseits von idiotischer Terrorangst zu leben: you're welcome. 
Ansonsten geht zu Mario Barth.

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Nichts ist so einfach und zugleich so genial, wie ein Band zu gründen.

Man benötigt kein Kapital, man muss nichts unterschreiben, man braucht keine Mindestanzahl an Mitgliedern. Man sagt einfach: "Wir sind jetzt eine Band!", und dann ist das einfach so. Niemand kann einem sagen, nee, ätsch, stimmt nicht, da ist diese oder jene Voraussetzung nicht erfüllt. Völlig egal, keiner kann einem etwas, man muss sich nirgendwo melden oder entgeltlich eintragen lassen.

Man existiert einfach ab genau jenem Zeitpunkt, da man postuliert "Wir sind eine Band!" Man muss nicht einmal ein Instrument spielen können oder eine schwierige Prüfung ablegen. Man braucht keine Fürsprecher oder gar jemanden der für einen bürgt. Kein Vitamin B der Welt ist nötig um seine bloße Existenz als Band zu beschließen.

Und genauso verhält es sich mit der Auflösung einer Band. Kein Veto, keine Umfrage, keine Meinung kann verhindern, dass eine Band sich auflöst, wenn sie das will. Vielleicht ist eine Band eines der wenigen, realen Konstrukte, welches in seinem existenziellen Wesen wirklich autark - ja frei - ist. Nur die Band alleine entscheidet über ihre eigene Existenz oder Nichtexistenz.

Sogar eine Auflösung kann zurückgenommen werden, wenn die Bandmitglieder es so wollen. Im Grunde kann man sich als Band jeden Morgen um 8 Uhr gründen und abends wieder auflösen. Völlig folgenlos. Einfach nur weil man es kann.

Wenn Ihr frei sein wollt - gründet eine Band!


Es ist wieder aufgetaucht, das 1993er LUZIFER SAM Demo-Tape "A FAILED EFFORT TO PUTSCH" mit den vier Songs "Time And Again", "Alice Dee", "Dark Substance" und "Disfigured Age". Alle Songs fanden 1995 neu aufgenommen mit unserem Produzenten Axel Ritt den Weg auf unser erstes Studio-Album "ALICE DEE", welches dann bei Humbucker Music/Semaphore erschien.
Die A-Seite des Demo-Tapes haben wir im Sommer 1993 bei ziemlicher Hitze in den Hagener Banana-Studios aufgenommen, produziert hat uns damals der Studio-Chef Haan Plattke. Die Songs "Dark Substance" und "Disfigured Age" waren Reaktionen auf die damaligen fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Deutschland und nahmen thematisch ein wenig die spätere textliche Ausrichtung von PORTER vorweg.
Die Songs des ersten Demos waren im Grunde bereits die Blaupause für den Sound und das Songwriting der ersten Hälfte unseres Bestehens. Die frühen Jahre eben. Ähnlich verhält es sich mit dem zweiten Demo "SHIVER" von 1994. Hier war LUZIFER SAM noch ein Quartett, da Till erst 1994 zu uns stieß und Holger vom Bass befreite.
Ich liebe diese Songs nach wie vor, auch jenseits von Sentimentalität, für ihren Eigensinn und den latenten Hang zum Wahnsinn. Wir hatten noch nicht das professionelle Gespür für Songwriting oder eine Form, wie wir zu klingen haben, sondern haben einfach gemacht. Im Grunde wussten wir damals immer nur, was wir nicht wollen - daran hat sich im Grunde bis heute nicht viel geändert.
Nach den wirklichen Anfängen im Keller meiner Eltern mit VANISHING LINE (bereits mit Holger, unserem späteren LS-Sänger) und den für meine musikalische Entwicklung absolut essenziellen FRIDAY IS SCRAPPED, war LUZIFER SAM die Band, die mir gezeigt hat, dass ein Leben ohne aktives Musikmachen keine Option ist. Dabei hilt einem allerdings auch extrem, wenn man Freunde um sich hat, die das genau so sehen.
Ich darf nun bereits seit über 25 Jahren Musik mit Lars und Frank machen, das alleine ist schon bemerkenswert. Und dass wir es heute immer noch so engagiert und mit Herzblut machen, ist nicht zuletzt auch ein Verdienst unserer gemeinsamen Zeit mit LUZIFERS AM in den 90ern. 
LUZIFER SAM - die Demos – JETZT AUF SOUNDCLOUD ANHÖREN:
Außerdem erschienen und bei Spotify zu hören:
Die CDs "Alice Dee" (1995) und "Luzidity" (1997) bei Humbucker Music/Semaphore.

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Weitere Artikel zu LUZIFER SAM:
LUZIFER SAM - die Chronik, Teil I
Wikipedia

Ich pflege seit Jahren einen kleinen Hashtag auf Twitter mit dem Namen #DieWichtigenTexte. Hier finden sich kurze Textauszüge aus meinem Empfinden nach überragenden Texten großartiger Bands. Oftmals - nicht immer - mit entsprechenden Links zur Musik. Oftmals - nicht immer - sind dies deutsche Texte, oftmals - nicht immer - von Bands mit einem Punk- oder Hardcorehintergrund. Hier schlummern so oft ungeahnte lyrische Perlen die oftmals - nicht immer - verzweifelt oder wütend, eben voller Emotion heraus geschrien werden. 

Heute möchte ich einfach mal eine lange Version von #DieWichtigenTexte verbloggen, weil die wundervollen und zu Recht von so vielen geliebten Turbostaat hier einmal mehr wahre Lyrik vertonen und ohnehin mit eben jenem Recht Dauergäste in der kleinen Rubrik sind.

Liebe für diese Jungs!


TURBOSTAAT – "DIE ARSCHGESICHTER"

,, Mach's gut, du Sack!" Sie küsste ihn zum Abschied
Drei Tränen noch, dann ist es auch vorbei
Aus Langeweile drosch sie auf die Beine
Heimat ist das Grau in seinem Herz,, Wind Lee Luv", sie stotterte auf einmal
Die Arschgesichter lachten sie noch aus
Sie glaubte fast sie könnte es verstehen
Das Mittelalter bricht da wieder durch

Und sie stochern blöd im Herzen
Als wenn da noch etwas wäre
Außer Gift
und jener Schmerz
Das ist alles

Man führte Krieg in aller Herren Länder
Grinst einer schief, heulte man laut auf
Im Scherenschnitt glänzt unsere Fassade
Es nähert sich etwas durch die Nacht

In Reih und Glied, gekämmt und gestriegelt
Die Arschgesichter pflanzen sich auch fort
Am Ende steht kursiv auf ihren Gräbern
Reichtum ist der Schlüssel zum Erfolg

Und sie stochern blöd im Gestern
Als wenn da noch etwas wäre
Außer Leere und jener Schmerz
Das ist alles

Ich bin so müde vom Schlafen
Und glücklich vom Heulen
Und Galle wütet weiter in meinem Bauch
Vielleicht gibt es ja zur Bratwurst
Noch Backpfeifensalat
Ihr Arschgeigen!
Gib
Nie
Auf!
Mein Spiegel und die Kinder schreien es laut
Gebt
Nie
Auf!

Ich brauch euch!
Ich bin zu müde vom Schlafen
Und glücklich vom Heulen
Und Galle wütet weiter in meinem Bauch
Vielleicht gibt es ja zur Bratwurst
Noch Backpfeifensalat
Ihr Arschgeigen!

Und sie stochern blöd im Schädel
Als wenn da noch was wäre
Außer Unsinn und dieser Schmerz
Das ist alles
Hinter Norderstraßen stehen diese Gräber
Jährlich und entrückt man dann davor
Am Ende saufen alle dann am Hafen
Ihr Heulen geht schon unter im Applaus

Am Besten genießt Ihr den Text während Ihr HIER dem Original von TURBOSTAAT lauscht. Jan Windmeier gibt Marten Ebsens Texte einfach wieder wie kein Zweiter.
Turbostaat waren, sind und werden immer sein: Jan Winmeier, Rollo Santos, Tobert Knopp, Peter Carstens, und Marten Ebsen
(Foto von Horni von der Turbostaat-Website)

Die Empfindsamen, die Aufrechten, die Denkenden, die Kreativen und die Wütenden - unterschiedlich in Stilmittel, Intensität oder Ausdruck. Aber sie alle eint, dass sie auf der richtigen, weil menschlichen Seite stehen (und die ist dieser Tage nicht die rechte Seite). Sie alle eint, dass sie ihre Kunst nicht um der Kunst willen machen und schon gar nicht für Reichtum.
Sie alle eint, dass sie Stellung beziehen - etwas das dieser Tage jeder von uns tun kann, tun muss, um nicht eines Tages wie der berühmte Ochs vorm Berg zu stehen, wenn einen die Kinder danach fragen: "Warum habt Ihr nichts gemacht?" Es gibt derzeit so unsagbar viele großartige deutsche Bands, die mit Herzblut bei der Sache sind
und etwas zu sagen haben. Und Ihr hört allen Ernstes Helene Fischer und 50 Cent?
Ich verneige mich vor der Wortgewalt der Subkultur (wenn Ihr mögt, hört rein):

Adam Angst "Splitter von Granaten" Putin rennt durch Wälder und killt Bären zum Vergnügen
und gibt grünes Licht, um Homosexuelle zu verprügeln.
Gesetze werden über Nacht erlassen und diktiert,
doch die NPD zu verbieten ist sehr kompliziert.


GWLT "Die Grundmauern der Furcht" Oder kein Ausweis, eine Gefahr. Er passt nicht rein, in den
reinlichen Staat, passt nicht rein, nicht in das was ich mag soll er heim, auch wenn es keines gibt, Fucker schieb ab! Weil es bevor du hier warst noch keinen Krieg gab. Ich glaub alles was der Stammtisch sagt.

Sie haben uns aufgeteilt in Länder, in Klassen und Kulturen.
Jetzt kämpfen wir gegeneinander und wissen nicht, wofür.
So lang wir weiter glauben, dass wir verschieden sind, bleiben wir ihre Sklaven.
Wir brauchen diese Schutzhaft nicht.

Und die schlimmste Frage von allen:
Dürfen die das? Sich einfach so vermehren?
Ihr Weltbild etablier`n? Unterm imaginären Hakenkreuz? Und die andere Frage: Willst Du die Welt den Wixern überlassen? Bist Du jetzt bereit? Ich frag Dich: Bist du jetzt bereit?

Weißt du es sind Leichen
Stehen rum und frieren
Viele sind gespalten
Teile gibts nicht mehr
Glaub nicht an die Menschen
Arme oder Reich
Die meisten sind Verlierer
Sie können nicht dafür

Hat alles vorher nichts gebracht?
Dann zieh Dich hoch am Fahnenmast.
Woanders hat's auch funktioniert,
Frankfurter Klöpse, unrasiert.
Wald und Wiesen, Berg und Tal,
Allen vier seid ihr egal.
Weil Dummheit dann gefährlich ist,
Wenn sie für Dich von Heimat spricht.


Frei zu sein bedeutet, Freiheit zu schenken. Die Beine nie zu schwer, um auch dafür zu kämpfen. Frei zu sein bedeutet, Freiheit zu schenken. Kein Kopf in den Sand, kein Stolz keinem Land. Bleibt stehen, trotzt der braunen Pest um Kopf und Kragen. Wer, wenn denn nicht wir?
Es gibt einen Weg zu gehen, und der heißt: Niemals dran vorbei. Wir sind uns einig, dass ich euch hier keinen Meter weichen werde. Auf zwei von denen kommen zehn von uns.

Und dann schielt Ihr mal weder auf meine Hand
Und ich soll mit Euch geh`n
Was Ihr wirklich glaubt, was Ihr wirklich denkt,
Ha`m wir in Dessau geseh`n.


Ich kann`s nur empfehlen, hören müsst Ihr`s selbst.


Musik als Energie- und Lebensspender.


Es gibt diese Platten (CDs, Files ... wie Ihr mögt) die einen immer und immer und immer und immer wieder fesseln. Für mich als großen Freund neuen deutschen Punks und Hardcores der intelligenten Spielart mit wundervollen, durchdachten, emotionalen, wichtigen Texten muss an dieser Stelle definitiv die fabulösen duesenjaeger mit dem famosen Album "Las Palmas O.K." anbringen.

Die wunderbar zitierfähigen Zeilen gegen rechts wie "Willst Du die Welt den Wichsern überlassen?" oder der verzweifelte Schrei am Ende des Songs "Ich will doch nur ganz allein sein!" begleiten mich nun schon über 10 Jahre. Die Jungs haben für alle Aufrechten und Guten immer einen lyrischen Arm, der jedem aufhilft, der ins Straucheln geraten ist und für alle rassistischen Kleingeister den beißenden Spott, den sie verdienen.

Ich zitiere die Wikipedia:
"Die Band gilt als prägend für einen bestimmten Sound im deutschsprachigen Punkbereich: melancholisch, aber immer treibend, wütend, aber nicht parolenhaft die Texte, oft abstrakt formuliert, aber manchmal sehr einfach und treffend. Die beiden Standbeine der Musik sind die grundlegende Dramatik oder Lethargie auf der einen Seite und der Trotz und der Wille zum weitermachen und verändern auf der anderen."




Alles sowas von zutreffend. Der postpunkige Sound hämmert einem die Emotionen immer wieder neu ins Kleinhirn und lässt einen einfach genau dann immer weiter machen, wenn man ansonsten lieber zusammen brechen möchte. Solche Künstler braucht die Welt - auch wenn sie niemals reich und berühmt werden. Haltet durch!


Ich darf hier die ebenso wundervollen PASCOW zitieren: DANKE DUESENJAGER!