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Der Vorteil von Entschleunigung? Den gibt es eigentlich nur, wenn man ansonsten ständig beschleunigt lebt. Kein Mensch muss abschalten, wenn er niemals angeschaltet war. Genauso macht Vollgas geben nur so richtig Spaß, wenn man sich im Alltag an alle Verkehrsregeln hält. Ausbrechen ist das Stichwort. Ausbrechen aus dem Gewohnten ist immer eine großartige und auch notwendige Erfahrung. Dabei ist es völlig egal, ob man als auf allen Ebenen feuernder Tausendsassa einfach mal die Füße, samt Geist und Hirn hoch legt, oder ob man sich als tranige Tüte eine Stoß gibt, und in irgendeiner Art aktiv wird.

Es ist relativ unspektakulär, wenn ein Hochleistungssportler, der sich sein Leben lang dem intensiven Gebrauch seines Körpers hingegeben hat, nach dem er Tennis, Golf und Marathon durchgespielt hat, auch noch das Downhillfahren für sich entdeckt. Das ist genau das, was alle von ihm und erst recht er selbst von sich erwartet. Ähnlich spannend ist es, wenn der Serienjunkie, der „Game Of Thrones“ neben sämtlichen Folgen von „Big Bang Theorie“ am Stück durchguckt, nun auch noch „World of Warcraft“, Chips und Pizza vernichtend vom Sofa aus erledigt, als wäre es der Marathon des Spitzensportlers.

Langeweile pur ist, sich ständig zu wiederholen. Immer. Für Außenstehende ist dies oft wesentlich schneller zu erkennen, als für einen selbst. Allerdings ist das auch genau die Sicht, die völlig ohne Belang ist. Wer sich für seine eigene Außenwirkung aus Gründen der Reputationssteigerung interessiert, hat bereits verloren. Es ist wie mit politischen Ansichten, wie mit Religion. Extreme sind immer scheiße. Die Regel bestätigenden Ausnahmen findet man in der Kunst oder der Kultur.

Daher lasst den Speedjunkie chillen, den Hänger ausrasten, den Extrovertierten Gedichte schreiben und den Metalfreak wandern gehen. Vernagelt Eure alles erstickenden Schubladen. Verbrennt Eure Manuals für Menschen. Entschleunigen kann ebenso geil wie tödlich wirken. Kommt immer ganz drauf an, wen es trifft.





Er legte das Buch, das er soeben gelesen hatte weg und schaute in die Ferne. Die Sonne schien so grell auf die grünen Hänge, dass seine Augen einen Moment benötigten, ehe alles scharf und wahrhaft erkennbar war. Doch für den Gedanken, der ihm gerade in den Sinn gekommen war, und der sich einfach niederließ, wie ein unliebsamer Gast, der sich selber eingeladen hat und um ein Gespräch unter vier Augen gebeten hat, brauchte er gar keine scharfen Augen.

`Gar nicht so leicht`, so dachte er `sich vorzustellen, dass die Welt genauso wie bisher einfach ohne einen weitermacht.` Das politische an diesem Gedanken war ihm absolut egal. Er sah hinüber zu den wellenförmigen Feldern, die am Waldsaum strandeten und brachen, und betrachtete die Wolken, die in zufälliger Formation über die Wipfel flogen, und sah den Gräsern zu, die sich vom seichten Sommerwind in luftigem Tanz hin und her wiegen ließen, und genoss den pfeilschnellen Flug der Schwalben, die mit ihrer Insekten heischenden Flughöhe einen weiteren wunderschönen Tag verhießen, und genoss mit einem Mal die Gesamtheit der Dinge in ihrer Unendlichkeit.

`Ich sehe die der Welt zu, ich sehe sie, wie sie ist. Die Welt sieht mich nicht. Die Welt macht genauso wie bisher einfach weiter.` Er musste lächeln und griff wieder zu seinem Buch.  


Und ist unser Haus auch noch so wundervoll,
perfekt und heimelig, immer wohl,
niemals wird uns das Material ausgehen,
niemals werden wir die Füße einfach so hochlegen,
ohne den Versuch es zu verbessern.
  Niemals wird die Hülle, die wir sind, vollendet sein. 
  Und sollte das Bild auch noch so fertig erscheinen,
  Zufriedenheit würde den Tod bedeuten,
  obschon es ihn nicht aufhalten wird.
Zu keiner Zeit werden wir ruhigen Gewissens ruhen können, 
gewiss der Abgeschlossenheit unseres Tuns.
  Das Letzte, dessen wir gewahr sein werden,
  ein schales Gefühl, nicht fertig geworden zu sein,
  es nicht vollendet zu haben.






Und hier noch der passende Song mit den richtigen Fragen und Feststellungen von den fabulösen duesenjaeger "Leinen los, bereit Matrose?"


77 Prozent der Schallgeschwindigkeit, sagt der Pilot. Was sonst auch sollte man fremden Menschen sagen, die man weder kennt, noch bewussten Auges jemals wieder sehen wird. Es kann sein, dass der ein oder andere seinen, einem Nerdinteresse geschuldeten, Nutzen aus dieser Information ziehen kann. Ich kann es nicht. Mich wirft es zurück in meinen Gedanken, Echos aus einer Zeit, die ich selber nicht erlebt habe, als kollektiver, durch Wissen vermittelter Nachhall der Menschheit.

77 Prozent der Schallgeschwindigkeit sind mein Portal in eine Welt der Konfrontationen mit wahrhaft Fremden. Als Menschen andere Menschen in anderen, für sie nur mühevoll erreichbaren Regionen, überfallen, getötet, vergewaltigt und versklavt haben. Aus keinem anderen Grunde als Reichtum und Macht. Diese Menschen hatten keine 77 Prozent Schallgeschwindigkeit zur Verfügung für ihre Raubzüge. Nicht einmal 50 oder 30 oder … diese Menschen waren zu Fuß oder zu Pferd unterwegs und konnten vielleicht gerade deshalb so perfide und skrupellos morden. Sie konnten „die anderen“ gar nicht kennen. Es gab, jenseits einzelner Versuche, kaum einen Austausch zwischen den Kulturen.

Dann kommt irgendwann ein Kaltgetränk und ein Sandwich. Ich verneine den Einkauf von Düften und Schals und gehe zurück in der Geschichte. Hier kam irgendwann die Aufklärung. Und sind seit dem auch noch so unvorstellbare Gräueltaten begangen worden - ja, auch von aufgeklärten Menschen - muss man dem Menschen und seiner kollektiven Fähigkeit an sich dennoch eine Art intellektuellen Fortschritt bescheinigen. Wir haben das Wissen um unsere Nachbarn, wir kennen Hintergründe vermeidlich fremder Kulturen, wir haben gelernt, Konflikte ohne Gewalt zumindest lösen zu wollen. Ob wir von all dem Gebrauch machen, ist eine ganz andere Frage. Aber zumindest könnten wir es nun.

Mein Sandwich nagend und aus dem Fenster den endlosen weißen Wolken ins friedliche Wohnzimmer schauend, weiß ich gar nicht, was schlimmer ist. Dass Menschen früher aus Unwissenheit Unheil in die Welt gebracht haben, oder dass sie es heute trotz besseren Wissens noch immer tun.

77 Prozent der Schallgeschwindigkeit gemahnen mich daran, dass wir heutzutage eine Chance haben, eine riesengroße Chance, die unsere Vorfahren allesamt nicht hatten. Wir können uns informieren, wir können uns umsehen, wir können blitzschnell Ozeane und Kontinente überwinden und uns in der Sprache der anderen verständigen.

Und es erinnert mich daran, dass sogar diese - für mich im Grunde nutzlose Information - ihren Sinn haben kann.

Lass gut sein.

Ein weiser Rat, zumeist final abwinkend gemeint, aber im Grunde weise.
Doch meistens steht man sich dann selbst im Weg beim wörtlichen Gutseinlassen.

Ist etwas so richtig Mist, ist es halt schwierig damit. Dann ist es jedoch zumindest verständlicher. Und genauso schwer ist es oft - obschon auf den ersten Blick ziemlich unverständlich - wenn etwas richtig gut ist, nahezu perfekt. Dann vermutet man schon mistrauisch wieder den nächsten Hammer hinter der Biegung. Dann sagt sich das auch wieder nur all zu leicht: lass mal gut sein. Obwohl es genau das wäre. Leicht. Und auch gut. Würde man es nur schaffen, Gutes verdammt noch mal gut sein zu lassen.

Ich klinge wie das gottverdammte Wort zum Sonntag, welches sich ein Mantra vorbetet, nur um die eigenen Dämonen in kleine kamingerechte Kleinholzstücke zu zertrümmern und sogleich dem Feuer zu überantworten. Und genau das ist es oft. Und ich bin sogar Optimist, durch und durch. Wie muss es da erst ... aber genau damit biege ich schon wieder verkehrt herum auf die Gedankenautobahn ab. Es ist gut. Es ist verdammt noch mal alles gut.

Lass gut sein, vielleicht sollte ich genau das viel öfter tun.

Pixel türmen sich übereinander. Funkelnde Farbklötze bilden Landschaften, Gegenstände, Menschen. Bunte Klötze werden zu Bewegung, verschwimmen schließlich doch wieder zu vage definierbaren Massen.

Natürlich war es ein langer Weg. Es ist auch kaum schöner geworden. Nicht im Wortsinn. Brillanz und Schärfe sind eine der härtesten Währungen derzeit. Dem Sehenden schlägt die Stunde. Dem Sehenden gehört die Welt. Die Welt der Sehenden. Ja, die Sehenden. Was sehen die eigentlich? Sie hatte sich schon immer gefragt, was das soll. Sehen. Was nutzte es zu sehen, wenn man es doch nicht zu benutzen verstand. Wenn man es im Grunde gar nicht verstand.

Es nervte sie schon, seit sie zu denken gelernt hatte. Seit sie spürte, wie sehr das Sehen die Realität zu beeinflussen verstand. Mitunter auch das Gesehenwerden. Es kam ihr einfach falsch vor. Es war falsch, wie die Menschen es lernten. Es war falsch, wie unabhängig das Sehen vom Denken funktionierte. Es war einfach grauenhaft falsch, dass das Sehen so beeinflussbar war, dass es jedem Zweck zu Kreuze kriechen muss, dass es als Wasserträger für so viele schlechte Gedanken herhalten musste.

Irgendwann beschloss sie einfach damit aufzuhören. Es passierte von jetzt auf gleich. Sie war gerade 15 geworden. Ihre Eltern hätten ihr etwas aus ihrer Sicht Wunderbares schenken wollen, sie hatte auch gar nicht die Absicht, sie vor den Kopf zu stoßen. Dennoch hörte sie einfach auf. Sie hörte auf und im gleichen Moment hörte es auf. Alles verschwamm vor ihren Augen, wurde unscharf, schmolz zusammen. Es wurde fließend. Eine unmerkbare, kurze Sekunde des Ungewohnten, ließ sie das Grinsen, das unmittelbar auf sie folgte, sie sofort ausfüllen, wie einen sie bar jeder Bedrohung durchströmenden Lavastrom, der jede Zelle in ihr vor Glück fast zu sprengen drohte.

In dem Moment, da sie es einfach sein ließ, begann sie klar zu sehen. Der Verlust bereicherte sie derart, dass sie beschloss, das es gut war. Sie beschloss es und sie fühlte es. Niemand, wirklich niemand verstand sie. Wie auch. In den folgenden Monaten wurde Hilfe eingeholt, von allen, wirklich allen Seiten. Hilfe, die natürlich scheiterte. Hilf niemals einem glücklichen Menschen, der sich nicht helfen lassen möchte. Sie war in der Tat ganz in der Nähe von glücklich.

Doch seit einiger Zeit spürte sie etwas Seltsames. Die sich umeinander tummelnden Pixel begannen ein seltsames Eigenleben. Sie scharrten sich umeinander, ja sie rotteten sich zu überschäumenden Gesamtbildern zusammen. Als es ihr bewusst wurde, erschrak Sie derart, dass sie sich um eine Klarheit bemühen musste, derer habhaft zu sein, sie sich mit einigem Aufwand überwinden musste. Die verwischten Klumpen begannen sie der Deutungshoheit zu berauben. Die sich plötzlich wieder abzeichnenden Bilder wurden auf eine perverse Art klar vor ihren Augen. Vor diesen Augen, die sie doch verlernt hatte zu benutzen, denen sie nie wieder trauen wollte. 

So sehr sie sich auch bemühte, sie konnte ihren Augen weiterhin befehlen, ihr die Informationen zu liefern, die sie bereit war wahrzunehmen. Sie konnte das alles, was sie immer gewollt hatte. Nur hatte sie nicht damit gerechnet, dass ihr Kopf, Ihr Gehirn, Ihr Verstand auch aus dem bisschen Datenmüll all das zusammen setzte, was sie beschlossen hatte nie wieder sehen zu wollen. Pixel um Pixel ergänzten sich. Klotz um Klotz begannen einen Tanz um sich selbst. Die Neuverformung der Wirklichkeit hatte begonnen. Sie versuchte alles, um den Wahnsinn weg zu wünschen. Ihr Wille verweigerte ihr den Gehorsam, drängte sie in genau die Ecke, die sie durch ihre Entscheidung auf ewig zu verlassen suchte. Pixel um Pixel, Klotz um Klotz, Farbmatsche um Farbmatsche umkreisten sie, prügelten auf sie ein, hagelten ihr Lichtblitze ins Hirn, folterten ihre Gedanken mit Realität bis ... ja bis ...

Irgendwann beschließt man einfach damit aufzuhören.