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Ich möchte ein Gedicht schreiben. Eines von der Sorte, die man nur einmal im Leben schreibt. Die wirklich etwas bedeuten und wenn es dann jemand wirklich mal liest, weiß er sofort alles über mich. Alles was ich jemals war oder sein wollte. Alles was ich aus meinem Leben gemacht und was ich versemmelt habe. Worauf ich stolz bin und wofür ich mich schäme. Und dass der Stolz im Grunde immer die geringere Rolle gespielt hat. Wen ich geliebt und wen ich verletzt habe. Vielleicht auch beides zusammen. Ein Gedicht, das so kurz ist, dass es ehrlich sein kann und so lang, dass es kein Detail auslässt. Es soll einen umschließen mit Trost gebender Wärme und es muss weh tun mit reinigender Ehrlichkeit. Es benötigt Pathos, aber nur um sich selbst nicht zu ernst nehmen zu müssen. Und es darf keinen Gag auslassen, auch wenn allen das Lachen im Hals stecken bleibt. Man muss sich fragen, was hat er damit gemeint und gleichzeitig ein wissendes Nicken für angebracht halten. Ich möchte die Kraft haben, es schreiben zu können, bevor ich sterbe und jemand anderes es über mich verfasst.



Man muss auch jenseits von Politik, Kultur, Problemen und dem ganzen Scheiß, den das Leben zweifelsfrei automatisch, immer wieder und für wirklich jeden einfach so mit sich bringt, einfach mal glücklich sein können. Ich bin`s gerade.



Glück. Es ist relativ bescheuert über Glück zu schreiben, wenn man glücklich ist. Ähnlich idiotisch ist es nur, über Glück zu schreiben, wenn man unglücklich ist. Bleibt die scheinbar stets sinnfreie Frage, was ist Glück und wann verdammt noch mal ist denn nun der richtige Zeitpunkt, sich seiner Gedanken über Glück bewusst zu werden und diese zu äußern.

Ich glaube, die meisten Blogposts habe ich stets dann geschrieben, wenn ich mich einem starken Gefühl ausgesetzt sah, dass ich ganz allein für mich verarbeiten musste, um es zu verstehen, es zu ertragen. Sei es – und das scheint des Öfteren vorzukommen – absolute Verärgerung über die ein oder andere Ungerechtigkeit, im Politischen wie im Privaten, oder aber – und auch das verspüre ich zum Glück ähnlich oft – eine tiefsitzende Liebe zu Menschen, Musik, Situationen, ja sogar zu Landschaften.

Im Moment ist es halt dieses kurze Wörtchen Glück. Ich fühle mich gerade glücklich. Und das, weil es einem kleinen Menschen, für den ich die volle Verantwortung trage, gut geht, weil er scheinbar und sehr offensichtlich gerade glücklich ist. Ja okay, vielleicht ist auch hier wieder diese „Liebe“ im Spiel. Aber Liebe kann man – so glaube ich – dauerhaft empfinden. Glück eher nicht.   

Glück ist ein kurzes Aufflackern jener Dinge, von denen man, sie hier und da erleben und empfinden zu können, schon immer eine vage Ahnung hatte.

Glück ist scheinbar keine Onanie. Sich selber wirkliches Glück zu verschaffen ist schwer bis unmöglich. Zumindest für mich. Irgendwie gehört es wohl dazu, zu wissen, dass es einem anderen Menschen, oder auch Tier, ich denke auch das geht, gut geht. Das ist ja das Ding mit dem Glück. Man erkennt es, wenn man es sieht, aber man kann es kaum willentlich herbeiführen. Dazu gehören viel zu viele Faktoren, und auch das klingt schon wieder bescheuert technisch, so als gäbe es eine Formel. Nein. Die gibt es nicht.

Es ist nicht nur die Tatsache, dass ich mich – ähnlich wie bei ein paar Blogselbstgesprächen vor zwei Jahren – einmal mehr in fast 1000 Meter Höhe befinde und mangels jeglicher, gelernter und angewöhnter Verbindung zur Außenwelt nur dieses innere Zwiegespräch führen kann.

Es ist viel mehr die Erkenntnis, dass es zum einen nicht viel braucht, um glücklich zu sein. Und zum anderen, ist mir gerade mehr als klar, dass es beim Empfinden, beim Genießen von Glück im Grunde nie um einen selbst geht. Ich bin fest überzeugt davon, dass ein Egoist niemals pures Glück empfinde kann.  Ja gut, vielleicht wünsche ich mir auch ein wenig, und das natürlich in boshafter Absicht, dass all die Egomanen da draußen niemals glücklich werden, mit ihrer „Ich-zuerst-Nummer“. Aber im Grunde – und zum Glück – ist das auch gerade scheißegal.

Ich denke, ich trage – und so simpel ist es vielleicht wirklich – das Erbe meines Vaters in mir, eines Mannes, der auch immer dann am Glücklichsten wirkte, wenn er etwas für seine Lieben tun konnte. Wie oft habe ich als Kind gedacht, „warum macht er das denn jetzt, da davon hat er doch gar nichts.“. Heute weiß ich, doch, er hatte etwas davon. Es machte ihn glücklich. Er war kein reiner Altruist, natürlich nicht. Aber es ging ihm immer dann gut, wenn es uns gut ging. Heute weiß ich, ich bin scheinbar genauso.


Ich bin glücklich. Mehr ist es nicht. Aber es ist viel mehr, als man erwarten darf.
Musik als Energie- und Lebensspender.


Es gibt diese Platten (CDs, Files ... wie Ihr mögt) die einen immer und immer und immer und immer wieder fesseln. Für mich als großen Freund neuen deutschen Punks und Hardcores der intelligenten Spielart mit wundervollen, durchdachten, emotionalen, wichtigen Texten muss an dieser Stelle definitiv die fabulösen duesenjaeger mit dem famosen Album "Las Palmas O.K." anbringen.

Die wunderbar zitierfähigen Zeilen gegen rechts wie "Willst Du die Welt den Wichsern überlassen?" oder der verzweifelte Schrei am Ende des Songs "Ich will doch nur ganz allein sein!" begleiten mich nun schon über 10 Jahre. Die Jungs haben für alle Aufrechten und Guten immer einen lyrischen Arm, der jedem aufhilft, der ins Straucheln geraten ist und für alle rassistischen Kleingeister den beißenden Spott, den sie verdienen.

Ich zitiere die Wikipedia:
"Die Band gilt als prägend für einen bestimmten Sound im deutschsprachigen Punkbereich: melancholisch, aber immer treibend, wütend, aber nicht parolenhaft die Texte, oft abstrakt formuliert, aber manchmal sehr einfach und treffend. Die beiden Standbeine der Musik sind die grundlegende Dramatik oder Lethargie auf der einen Seite und der Trotz und der Wille zum weitermachen und verändern auf der anderen."




Alles sowas von zutreffend. Der postpunkige Sound hämmert einem die Emotionen immer wieder neu ins Kleinhirn und lässt einen einfach genau dann immer weiter machen, wenn man ansonsten lieber zusammen brechen möchte. Solche Künstler braucht die Welt - auch wenn sie niemals reich und berühmt werden. Haltet durch!


Ich darf hier die ebenso wundervollen PASCOW zitieren: DANKE DUESENJAGER!


















Wäre es nicht verlockend, eine Entscheidung rückgängig, ein Wort ungesagt, eine Handlung ungeschehen zu machen?

Die ehrliche Antwort muss lauten: absolut! Wer wäre stark genug, gefeit gegen die Versuchung, folgenschwere Entscheidungen – oft aus dem Bauch heraus, einem Gefühl folgend getroffen – mit einem befreienden Achselzucken dem Niemalspassiertsein zuzuführen.

Wenn man ein Ereignis auf den Moment des eigentlich Erlebten fokussiert, den Sekundenbruchteil der Entscheidung alles erweiternd reduziert auf den Ausdruck, den Ausbruch einer Emotion; wenn man sich selber, seinen Willen, sein Unvermögen, sein Ich in einem Moment des Extremen als die Richtung gebende Instanz erkennt oder gar akzeptiert, wird man zu einem Punkt kommen, an dem man schlicht verzweifelt – oder eben erstarkt in einer nie vermuteten Freiheit, die, oftmals dem Abgrund die Hand reichend, eine – vielleicht die einzige – Alternative aufzeigt zum schlichten Gehorsam, zur Verneinung der eigenen Identität.

Die Texte in „Der Virologische Magnet“ nähren ihre Faszination aus der unfassbar kleinen, oft unsichtbaren Grauzone eines in sich geschlossenen aber niemals – weder zeitlich noch emotional – hermetisch abgeschlossenen Moments. Alles basiert auf einer Entscheidung. Einer freien Entscheidung. Alles passiert in einem Augenblick. Das ganze Leben ändert sich inmitten der Zeitraffer eines Augenaufschlags in einer Art, die nicht einmal der Besitzer des Auges vorhersehen kann.

Das kleinste Detail kann das spannendste, das alles entscheidende sein. Bösartige Anhäufungen von Adjektivismen können die Empörung hervorrufende Oberhand gewinnen über den von Empfindungen geleiteten Erzählfluss, der sich sperriger Weise nicht unbedingt als Pausenliteratur geriert.

Wer sich auf die Welt der immer unterschätzten, alles bestimmenden kleinen Dinge einlässt, wird mit Perspektiven belohnt, die Gedanken explodieren, Visionen entstehen lassen können.


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Das ist der Klappentext meines kleinen, wundersamen herzblutenden Buches, voller lyrischer Kurzgeschichten zwischen Wach und Schlaf. Ich würde mich freuen, wenn Ihr an mich denkt, wenn Ihr Euch überlegt, was Ihr Euren Lieben zu Weihnachten schenken könnt - DAS war Werbung ;-)

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 Der Virologische Magnet
 Kurzgeschichten- und Lyriksammlung
 Sänger, Markus G.
 1
 773152
 9783842340640
 09.12.2010
 160
 10
 Brillant-Druck
 14,8*21
 Hardcover mit Schutzumschlag
 matt
 weiß 90g



Die Evolution hat uns reingelegt. 

Kein halbwegs Vernunft begabter, normal wohlhabender Erwachsener in der westlichen Hemisphere kann sich davon frei sprechen, der Versuchung einer völligen Depression klaglos eine Absage erteilen zu können. Nicht, dass man die Wahl hätte.

Über Jahrtausende hat sich unser Geist - evolutionär unterstützt - heraus gebildet, um besser, schneller und komplexer werden zu können, als der jedes anderen Wesens auf diesem Planeten, nur um uns dann eiskalt in die Bewusstseinsfalle tappen zu lassen.

Ich wage erkennen zu wollen, dass intellektuell herausragend geschulte Geister, an sich selbst zu zerschellen drohten / drohen / drohen werden. Dieses ganze "Wo kommen wir her"-Gedenke führt letztlich immer in eine rangierunfähige Sackgasse, der lediglich ein an sich selbst angeschlossener Kreisverkehr angeschlossen ist.

Künstler aller Epochen, haben sich dem Ursprung, wie dem Sinn des Ganzen, in unendlicher Ausprägung angenähert. Wundervolle Kunst ist entstanden, geniale Zeilen, großartige Bilder, multivers verortet anmutende Meilensteine.

All das immer nur, um das Eine zu erkennen:
Wir ersticken an unseren Möglichkeiten.

Letztlich sind es nicht einmal die großen Themen, an denen Menschen zerbrechen. Es ist der Alltag, der sich ob eines gedachten, gefühlten, weitaus größeren Zusammenhangs als so lächerlich erweisen kann, dass viele den Bezug dazu verlieren. Es ist eine bittere Fußnote der Evolution, dass es die basischen Dinge sind, die Menschen zerstören, nicht die im Detail existierenden immanenten.

Frieden, Gleichheit, Liebe, Freiheit, Empathie, Mitleid, Freundschaft. Diese Dinge sind die Bestandteile, die unserer bloßen Existenz die entscheidende Würze verleihen können. Aber nicht zwangsläufig müssen. Dazu gehört immer die persönliche Geschichte.

Es wäre im Grunde so einfach. Der unumgängliche Pferdefuß bei all dem ist allerdings, dass wir die Fähigkeit haben zu vergleichen, die Gabe zu Denken, was wäre wenn. Eine Entscheidung, ein winziges Rädchen um ein µ anders gedreht und unser gesamtes Leben wäre ein anderes. Und verdammt - was, wenn dieses Leben dann ein "besseres" wäre? Die unglaubliche Krux an diesem Gedanken ist jedoch: es gibt immer ein besseres, vorstellbares Leben.

Und so finden wir allesamt keinen Frieden in unseren Sein. Der Neider sucht Schuldige für seine, für ihn real existierende Misere. Der Zweifelnde macht sich selbst zum keinen Ausweg findenden Unwissenden. Der Tumbe wird als solcher von den Missgünstigen ausgemacht und übervorteilt. Und so weiter. Selbst der Optimist - der ich bin - verortet in seinen düsteren, klaren Stunden, dass es Sinnlosigkeit auszuhalten gibt. Vielleicht hat der - wie auch immer - gläubige Mensch dann doch noch die besten Karten in diesem Spiel, auch wenn es in meiner kleinen Welt lediglich eine eskapistische Nuance von Philosophie darstellt.

Fakt - und alleine das Wort macht hier Spaß - Fakt ist, es gibt weder einen Grund, die Kunst in all ihren Facetten aufzugeben, schließlich stellt sie immer noch den spannendsten Auswuchs an Sinnstiftung dar, noch, sich jeden Morgen von der Evolution, als ausgewiesene Krone der Schöpfung, den Tag versauen zu lassen. Aber meine Gedanken sind vollsten Verständnisses bei jenen, die genau das nicht verhindern können.



Wann immer Du Dich wähnst, keinerlei Zeit zu haben, keine Zeit, keine Zeit, bisschen Zeit für die wichtigen Dinge, die Sachen, die es wert wären, kein bisschen Zeit für Dich, dann, ja dann könntest Du Dir einfach mal vor Augen führen, dass es an Dir, nur an Dir ist, einfach etwas Eigenes - eventuell und augenscheinlich völlig Sinnloses, da in allen Augen Unproduktives - zu machen, etwas, dass Dich richtig viel Zeit und Kraft kostet, etwas, dass Deine ganze verdammte Aufmerksamkeit fordert, und dann wirst Du vielleicht spüren, dass genau das Dir die so ersehnte Zeit verschafft, die so ersehnte Luft, die längst verlorene Energie, von der Du dachtest, Du seist für immer von ihr ausgeschlossen.  


Du weißt, wo Du sein willst. Und Deine Lieben sind bei Dir.

Nichts ist wirklich wichtig hier oben. Und zugleich alles. Aber es greift einen nicht in seiner Existenz an. Es greift einem direkt ans Herz. Warm und weit, ausufernd und großartig. Wild und drängend. Unendlich ruhig und beruhigend gefährlich. Und Freiheit ist plötzlich mehr als ein Wort. Freiheit ist zum Greifen nicht nur nah, sondern da. Und Du kannst und willst Dir nichts anderes mehr vorstellen.
Es ist natürlich nicht von Dauer, doch Du trägst es mit Dir herum. Ein Leben lang. Und es trägt Dich. Ein Leben lang. Und dieses Gefühl wird mit jedem Jahr stärker, intensiver. Du kannst es nicht verdrängen. Du kannst es nicht verleugnen. Du willst es auch gar nicht.

Geboren an einem wunderschönen, sicheren Ort und sehr glücklich und dankbar über diese Tatsache. Aber dennoch scheinbar ein wenig falsch. Und Du lächelst, dankbar und glücklich, es gefunden zu haben, weil Du weißt, eines Tages bleibst Du einfach hier oben. Und verdammt, wenn sie Dir eines Tages einen Gefallen tun wollen, verstreuen sie Dich hier.

Der Newstag begann mit einer so lustigen wie egalen Randnotiz: Der HSV wird - zumindest in den nächsten 15 Minuten - von Bruno Labbadia trainiert werden. Dann kam die traurige Nachricht, dass Klaus Bednarz, einer der wirklich großen und großherzigen Journalisten gestorben ist. Die Stimmung kippte sogleich ins Minus.

Dann aber die Nachricht, die beinahe alle Titel, Newsbreaks und Schlagzeilen an diesem Tag beherrschen sollte: Jürgen Klopp bittet vorzeitig um Vertragsauflösung bei Borussia Dortmund! Argh! Das sitzt. Ich - als BVB-Fan - werde sogar von Schalkern bedauert und beinahe alle um mich herum, sehen sich entweder die Pressekonferenz an oder googlen ein paar Hintergründe, um hier mitreden zu können. Aktienkurse fallen, man lechzt nach einem postnachrichtlichen Brennpunkt.

Ich gestehe, ich habe einen Klopp - pardon - eine Klopps im Hals, denn ... aber alles was nun kommen könnte, ist scheißegaler Fanpathos. Denn parallel zu diesem Sportereignis findet im Mittelmeer ein weiteres Drama statt. Ein wirkliches Drama. Eines, das heute mindestens 400 Menschen das Leben kostet. Das Leben! Sie sterben. Ein von Libyen aus gestartetes Boot kentert und namenlose, wie ungezählte Flüchtlinge ertrinken in dem Meer, das uns Jahr für Jahr zum Sommerurlaub die schönsten Strände offeriert.

Und was tun unsere von uns boulevardisierten Medien - leider auch jene, von mir in der Tat als den Qualitätsjournalismus aufrecht erhaltend angesehenen Zeitungen, Sender, Stationen - an diesem Tag? Sie berichten von Jürgen Klopps - absolut ehrhafter - Entscheidung. Und von beschissen egalen Aktienkursen. Und warum tun sie das? Weil wir, wir, wir, weil wir alle darüber lesen, sinnieren, weinen und schimpfen möchten. Weil wir nichts davon wissen wollen, auf wessen Kosten wir leben, wie andere Menschen (ja, Menschen) leben müssen auf dieser Welt. Wie Menschen verrecken, nur weil sie nicht leben und sterben wollen, wie man halt so stirbt als Mensch jenseits unserer Möglichkeiten in Europa.

Schuld trägt hier natürlich nicht Jürgen Klopp, Schuld trägt hier kein Journalist, Schuld trägt hier kein Sender, kein Medium. Schuld trägt hier nicht einmal das eitrige Furunkel der Journalistengosse, die BILD. Die Schuld tragen wir! Die Masse, die Mehrheit der Leser, Zuhörer, Zuseher und Surfer! Wir alle - immer in der Masse gesehen - wollen es so! Wir wollen genau das sehen, was man uns hier präsentiert. Wir wollen ja scheinbar sogar das Dschungelcamp, Newtopia und Retortenmusik. Es ist nicht mehr und nicht weniger als Angebot und Nachfrage! Und wir, wir - verdammt noch mal - WIR sind der Markt, wir bestimmen, was uns vorgesetzt wird.

Und offensichtlich sind wir ein reicher, tumber, ungebildeter, rassistischer, nationalistischer, sexistischer, egozentrierter Markt. Wir sind der Mob. Wir sind Klatschvieh. Wir sind eine Klickrate. Wollen wir das wirklich sein?

Meint Ihr nicht auch, langsam, so ganz, ganz langsam reicht es mal mit Oberflächlichkeit? Habt Ihr nicht auch so ganz langsam das Gefühl, dass es an der Zeit ist, die Krallen auszufahren und die eigene Marktmacht einzusetzen?

Meint Ihr nicht auch, es reicht?


Jemand den ich mal zu kennen die Ehre hatte, sagte mir, wir müssten heute für unsere Erinnerungen von morgen sorgen, sonst hätten wir nichts zu erzählen.

Er hatte uneingeschränkt Recht.


Ich schrob hier bereits vor vier Jahren, genau am 26. März 2011, zu Zeiten der Veröffentlichung der "Laut/Leise"-EP "DAMOCLES" über meine wunderbare Kapelle PORTER. Damals bezeichnete ich mich als positiv besessen und war überglücklich, dass ich ein Teil dieses seltsamen Gebildes sein durfte.

Heute, im April 2015, ist es an der Zeit, die Vergegenwärtigung dieses Glück einmal mehr aufzufrischen. Auch Revuen müssen passiert werden wie Tomaten. Nachdem wir 2012 ein äußerst erfolgreiches Crowdfunding hingelegt hatten, waren wir 2013 in der Lage, nach über 10 Jahren des Bestehens dieses Aggregatzustandes namens PORTER, also 4 veröffentlichter EPs, unzähliger Konzerte und tausender absolut geiler Momente endlich unser erstes vollwertiges Album "WOLKENSTEIN" aufzunehmen.



Allesamt musikalisch auch vor PORTER nicht unbeleckt und durchaus - ich zitiere Danny Glover alias Roger Murthaugh in Letheal Weapon - "schon zu alt für diesen Scheiß",  starteten wir mit "WOLKENSTEIN" so eine Art zweiten Frühling. Der Elan war zurück, den Arsch hoch zu kriegen, die Ideen für geile Songs flogen uns plötzlich wieder sogar unter Zeitdruck zu und mit dem Umzug in unser ehemaliges Stammstudio als ständigen Proberaum machten wir einen verdammt wichtigen Schritt hin zu einer lebenswerten, gemütlichen und kreativen Homebase im Herzen des Dortmunder Nordens.

Alles war schön, alles war gut. Dann, kurz nach einem Akustik-Gig im April 2014, traf uns ein sehr persönliches Ereignis wie aus heiterem Himmel und schoss uns erst einmal aus allen Umlaufbahnen, alles was war, alles was wir hatten war plötzlich egal, alles was wir als wichtig empfanden, war genau das aus gutem Grund eben nicht mehr.

Wir haben auf unseren CDs immer schon den Verweis gehabt, dass PORTER Christian Schwarz, Lars Daum, Frank Stewen, Volker Fabiunke und Markus G. Sänger sind, waren und immer sein werden. Und auch ohne dass wir diese berühmten fünf Band-Freunde sind, ist es doch immer klar gewesen, dass diese Band in dem Moment aufhören würde zu existieren, da einer von uns - egal wer - nicht mehr dabei ist. Da spielt es keine Rolle, ob höhere Gewalt im Spiel ist und ein Fünftel auch ohne seinen Willen plötzlich weg wäre.

Die Wahrheit dieses Statements hat sich uns allen im letzten Jahr schmerzhaft gezeigt. Es stand kurz vor knapp, dass diese Band aufgrund der Ereignisse Geschichte gewesen wäre. Machen wir es kurz - es ist nicht so gekommen, und das ist alleine der Kraft eines Menschen geschuldet, der in diesem Jahr mehr Eier bewiesen hat, als es nötig sein sollte.

Wir haben in den letzten Jahren gemerkt, dass wir nicht unbedingt jedes Jahr 50 Gigs mehr spielen müssen, um das was uns bewegt, das was wir so lieben leben zu lassen. Wir müssen uns nicht beweisen, dass das, was wir da haben gut, sehr gut ist. Viel zu viele, im Grunde sogar die meisten von den Musikern, den Bands, die einmal mit uns angefangen haben, gibt es heute nur noch als Erinnerung. Wir hingegen haben irgendwann beschlossen, dass es uns aus einem guten Grund gibt. Und dieser Grund sind wir fünf. Dieser Grund sind die Songs, die uns zufliegen. Dieser Grund sind die Menschen, denen diese Songs etwas bedeuten.

Etwas, das es für uns besonders wertvoll macht ist, dass wir lebendig sind. Wir sind relativ klein, wir sind relativ unbekannt, wir sind definitiv Underground. Wir sind aber im Gegensatz dazu auch völlig (!) unabhängig, wir sind auch stolz, wir sind vor allem allesamt Fans von guter Musik, und wir sind damit in erster Linie künstlerisch eins: glücklich! Und wir haben Bock!

Das letzte Jahr hat einfach mal wieder gezeigt, dass nichts, nichts, nichts, nichts, nichts, wirklich planbar ist. Im Grunde eine dieser schmerzhaften, aber heilsamen Lektionen, die einem wieder zeigen, was wichtig ist. Wenn dies denn nötig wäre. Denn wir wissen was uns wichtig ist. Aber im Vergleich zu dem was Menschen zustoßen kann, ist diese Band, so sehr ich sie auch liebe, eben einfach scheißegal.

Und so stehen wir hier - April 2015 - und werden am 16. Mai unser erstes Konzert seit über einem Jahr spielen. Und es fühlt sich so unsagbar gut und richtig und - jetzt zitiere ich sogar Frau Merkel -  alternativlos an.

Im Grunde wollte ich hier nur einmal mehr sagen: danke! Danke, dass ich dieses Glück habe, Teil dieser Band zu sein! 

Und ja: wir sind jetzt unsterblich, denke ich. Wir werden so lange da sein, wie es sein soll. Und es war jeden Meter, jede Sekunde wert!

Ich - ganz persönlich - bin sehr glücklich!
Und obschon wir fünf unfassbar unterschiedliche Menschen sind, mit fünf unfassbar unterschiedlichen politischen Ansichten, musikalische unfassbar unterschiedlichen Geschmäckern - oder gerade deswegen (?) - will ich, dass wir noch ganz lange da sind, viele Meter, viele Sekunden!



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Hier noch ein Miniinterview mit Philipp Kersting für Radio Ennepe Ruhr anlässlich des Gigs im Treff an der WerkStadt am 16.6.2015
Es gibt genügend Gründe Musik zu mögen, Musik zu lieben Musik zu leben, Musik zum Leben zu brauchen.

Der eine, der alles entscheidende Grund, der Ursprung, der Auslöser, der Anfang von allem - den legt ein jeder von uns selbst. Oder wird sanft darauf gestoßen. Zumeist unterstützt von pubertären Erlebnissen ganz gleich welcher Art -  alles ist wichtig, wenn Du 14 bist!

Der Grund ist nicht selten ein Konzert. Ein den ganzen Körper - Herz, Bauch und Kopf - erfassendes Erlebnis. Und dabei ist es im Grunde genommen egal, welcher Art der Künstler ist, der einen da durchströmt - solange es nicht Florian Silbereisen* ist.

Es erfasst Dich. Es packt Dich. Es reißt Dich mit - und lässt Dich mitreißen. Und wenn das alles einigermaßen gut läuft, lässt es Dich nie wieder los. Dann bist Du besessen und gleichermaßen Besitzer.

Also verwaltet Euer vermögen mit bedacht und genießt es.

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*oder nat. Helene Fischer, Stefan Mross, Andrea Berg, Michael Wendler, Heino, Micki Krause, Andreas Gabalier, Hansi Hinterseer, Michelle, Revolverheld, Pur, Christina Bach etc. (komplette Liste bitte in einschlägigen Onlinemagazinen downloaden)



Weihnachten, mein Vater und warum die Ramones mich glücklich machen


Diese Nacht ist heilig, so sagt man. So glaubt man.

Und ich muss sagen, auch aus heutiger, erwachsener Sicht als lupenreiner Atheist (und ich möchte das lupenrein hier nicht in Gerhard Schröders pervertiertem Sinne verstanden wissen) ist sie etwas Besonderes, diese Nacht. Ich denke, das liegt daran, dass für einen kleinen Moment die Welt ein wenig zur Besinnung kommt. Sei es in Form überkitschter Traditionstümelei, sei es ein religiöses Zeremoniell, sei es das Zusammensitzen bei Speis und Trank, sei es ein Insichgehen, sei es etwas ganz anderes - eines ist jedoch irgendwie überall zu spüren: Diese Nacht ist anders als all die anderen Nächte.

Aber auch die frühen Kindheitserinnerungen - in meinem Fall ausnahmslos gute, möchte man heutzutage beinahe schlechten Gewissens hinzufügen - tragen ihr gerüttelt Maß hierzu bei.   

Bei mir ist es schlicht die Erinnerung - und hier sind es zumeist die lieben, die geliebten Menschen, mit denen man diesen heiligen Abend, überhaupt das gesamte Weihnachtsfest hindurch verbringen durfte und noch immer darf und in Zukunft wird verbringen dürfen - oder auch eben nicht.

Nichts gegen diese Momente, die ich immer schon genoss: an diesem Tag ein paar Takte der derzeitigen Lieblingsmusik zu hören. Musik, die man auch an anderen Tagen hört, deren Noten jedoch seltsamerweise an diesem einen Tag so anders, so besonders klingen und eben für alle folgenden Jahre als besonders empfunden hängen bleiben werden - die Ramones mit dem für mich wohl bis in alle Ewigkeit so sakral klingenden, ganz persönlichen „Weihnachtslied“ „Something To Believe In“. Alice Cooper mit dem inzwischen etwa 40 Jahre alten „Coming Home“. Helloween seltsamerweise mit dem Thrashmetalkiller „Gorgar“.     

Aber: dieses Erlebnis, diese Momente wären mir wohl kaum bewusst geworden, ohne die Menschen, die mir das Besondere zu vermitteln in der Lage waren. Und wieder meine ich es hier in feinster Weise religiös.

Früher, also meine ersten noch verfügbaren Erinnerungen an Heiligabend, an Weihnachten betreffend, war es irgendwie das Gefühl totaler Geborgenheit. Das ganze Drumherum, also viele Menschen, natürlich auch ungeliebte Verwandte, ein unglaublich faszinierender Weihnachtsbaum, logischerweise Geschenke, aber - und das war damals schon so - diese ganz eigene Magie, die natürlich von meinen Eltern künstlich, aber genial überzeugend aufgebaut wurde. Klar waren Geschenke wichtig und ich habe mich über alles wie irre gefreut, aber vom Gefühl her war es die Tatsache, dass alle zusammen saßen und niemand irgend etwas anderes vorhatte.  

Dann als Heranwachsender, gerieten die Geschenke immer mehr in den Fokus des Interesses, keine Frage. Aber das Gefühl, dass alle zusammen ein Spiel spielten, empfinde ich noch heute als das Element, welches ich in dieser Zeit am meisten genoss.  

Später, als „reifer“ Teenager (hüstel) war es anders, natürlich. Dieses Gefühl, sich über etwas beinahe Unumstößliches hinwegzusetzen, wenn man den Vormittag über in seiner Stammkneipe mehr als vorglühte, um dann dem tradierten Teil des Festes recht angeschickert beizuwohnen, war irgendwie der nötige Freischwimmer-Ausweis, um genau das gleiche Fest nur ein paar Jahre später wieder genießen zu können. Menschen sind seltsam. Ich bin es auch. 

Irgendwie ist das Weihnachtsfest, dieser heilige Abend, ein untrüglicher Indikator dafür, dass Menschen, geliebte Menschen älter werden - spannender Weise spielt das eigene Altern bei mir hier so gut wie keine Rolle. Fehlen mir auch zwischendurch ein paar Facetten, Schritte, Etappen wie Menschen in den einzelnen Jahren so waren, stelle ich sie mir an Heiligabend vor, weiß ich ziemlich genau, wer wann was durch gemacht hat. Ich denke, mein Heiligabend ist so eine Art Zeitbremsklotz.   

Eigentlich, und das ist mir nicht erst an diesem Heiligabend, in dieser heiligen Nacht bewusst, fehlt mir gerade jetzt - und das extrem und sehr explizit - mein verstorbener Vater, der mich noch vor 4 Jahren mit seiner wundervollen Art und als großer Melancholiker zu Weihnachten darauf aufmerksam machte, dass es im Leben immer Rückschläge gibt, dass nicht immer alles so wird, wie man es sich dann doch im Grunde wünscht, dass es aber doch jeder einzelne Moment wert ist - dass das Leben es wert ist. Ich habe so viel von ihm gelernt, ich trage so viel von ihm in mir, und ich muss sagen, ja, an diesen heiligen Abenden bricht es dann wieder hervor. Da ist er wieder so präsent, als säße er hier mit uns am Tisch. Er hat niemals mit mir Helloweens „Gorgar“ gehört, er kannte die Ramones und Alice Cooper nicht einmal, er hätte es auch rein musikalisch nicht verstanden. Aber - und eigentlich zählt nur das - er hat immer gewollt, dass ich höre, was ich mag, weil ich es liebe. Er hat gewollt, dass es mir gut geht, dass ich tue was ich liebe. Vielleicht ist Liebe hier auch einfach das Stichwort.

Er hat mit seiner Art seinen so lange ich lebe niemals verschwindenden Beitrag dazu geleistet, dass ich Weihnachten als etwas Besonderes, etwas Schönes empfinden und erleben kann. Er war nie gläubig, er hat es aber auch niemandem jemals ausreden wollen, der es war. Und so kommen mir bei den Gedanken über meinen Vater auch all die wahrhaft bigotten Diskussionen in den Sinn, die man hier und dort hören muss, ob denn „Ungläubige“ wie ich Weihnachten feiern dürfen, oder ob denn Moslems einen Weihnachtsbaum haben dürfen, all die Diskussionen, die Menschen von etwas ab- und ausgrenzen wollen. 

Mein Vater ist als Kind in Zeiten des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen. Als Menschen an der politischen Macht wahren, die aus dem Ausgrenzen, der Angst vor Fremdem eine Staatsraison gemacht haben. Und wenn nun ich, immer noch Atheist, gerade jetzt - ausgerechnet zu Weihnachten - die marschierende Angst der Ungebildeten und Rückwärtsgerichteten auf unseren Straßen sehen muss, die den Hass und die blanke, irrationale Angst vor Fremden auf Plakaten vor sich hertragen, schäme ich mich ein klein wenig vor ihm. Er würde den Kopf schütteln, von den Zeiten seiner Kindheit reden, und davon, dass man gerade als Kind einer solchen Inszenierung natürlich auch aufsitzen könne, aber dass es für derartige Hetztiraden von Erwachsenen gegen Menschen, die flüchten müssen, gegen „Fremde“, gegen Minderheiten keine Entschuldigungen gebe. Recht hätte er. Recht hatte er.  

Und bei all dem denke ich: Ihr Spießer, Ihr Intoleranten, all Ihr Hasser, Ihr Vorschriftenmacher, Ihr „wahren“ Werteverteidiger - vielleicht gibt es einen Grund oder einen Auslöser in Eurer Kindheit, Eurer Biografie, die Euch das Hassen gelehrt hat, die es Euch leicht macht, Eure Parolen zu schwingen. Aber als Kind der Freiheit, und als solches werde ich mich Zeit meines Lebens empfinden, kann ich Euch, gerade in dieser einen Nacht, die mich melancholisch stimmt, aber auch aufbringt, gegen jedwedes Gedankengut, welches die Rechte, das Glück, die Lebensqualität von anders Denkenden beschränkt, nur sagen: 

Kümmert Euch um Euch selbst, kommt klar mit was auch immer Euch an einem glücklichen Leben hindert, werdet aktiv. Aber tut es für Euch - nicht gegen jemanden.   

Ansonsten kommt es für Euch ohnehin so, wie im Helloween-Song: „Gorgar will eat you!“ - Und das wollt Ihr nicht.

Ich freue mich für jeden von Euch von Herzen, der, die oder das es schafft glücklich zu sein. 

Habt eine wundervolle Weihnachtszeit und einen Guten Rutsch.








Pixel türmen sich übereinander. Funkelnde Farbklötze bilden Landschaften, Gegenstände, Menschen. Bunte Klötze werden zu Bewegung, verschwimmen schließlich doch wieder zu vage definierbaren Massen.

Natürlich war es ein langer Weg. Es ist auch kaum schöner geworden. Nicht im Wortsinn. Brillanz und Schärfe sind eine der härtesten Währungen derzeit. Dem Sehenden schlägt die Stunde. Dem Sehenden gehört die Welt. Die Welt der Sehenden. Ja, die Sehenden. Was sehen die eigentlich? Sie hatte sich schon immer gefragt, was das soll. Sehen. Was nutzte es zu sehen, wenn man es doch nicht zu benutzen verstand. Wenn man es im Grunde gar nicht verstand.

Es nervte sie schon, seit sie zu denken gelernt hatte. Seit sie spürte, wie sehr das Sehen die Realität zu beeinflussen verstand. Mitunter auch das Gesehenwerden. Es kam ihr einfach falsch vor. Es war falsch, wie die Menschen es lernten. Es war falsch, wie unabhängig das Sehen vom Denken funktionierte. Es war einfach grauenhaft falsch, dass das Sehen so beeinflussbar war, dass es jedem Zweck zu Kreuze kriechen muss, dass es als Wasserträger für so viele schlechte Gedanken herhalten musste.

Irgendwann beschloss sie einfach damit aufzuhören. Es passierte von jetzt auf gleich. Sie war gerade 15 geworden. Ihre Eltern hätten ihr etwas aus ihrer Sicht Wunderbares schenken wollen, sie hatte auch gar nicht die Absicht, sie vor den Kopf zu stoßen. Dennoch hörte sie einfach auf. Sie hörte auf und im gleichen Moment hörte es auf. Alles verschwamm vor ihren Augen, wurde unscharf, schmolz zusammen. Es wurde fließend. Eine unmerkbare, kurze Sekunde des Ungewohnten, ließ sie das Grinsen, das unmittelbar auf sie folgte, sie sofort ausfüllen, wie einen sie bar jeder Bedrohung durchströmenden Lavastrom, der jede Zelle in ihr vor Glück fast zu sprengen drohte.

In dem Moment, da sie es einfach sein ließ, begann sie klar zu sehen. Der Verlust bereicherte sie derart, dass sie beschloss, das es gut war. Sie beschloss es und sie fühlte es. Niemand, wirklich niemand verstand sie. Wie auch. In den folgenden Monaten wurde Hilfe eingeholt, von allen, wirklich allen Seiten. Hilfe, die natürlich scheiterte. Hilf niemals einem glücklichen Menschen, der sich nicht helfen lassen möchte. Sie war in der Tat ganz in der Nähe von glücklich.

Doch seit einiger Zeit spürte sie etwas Seltsames. Die sich umeinander tummelnden Pixel begannen ein seltsames Eigenleben. Sie scharrten sich umeinander, ja sie rotteten sich zu überschäumenden Gesamtbildern zusammen. Als es ihr bewusst wurde, erschrak Sie derart, dass sie sich um eine Klarheit bemühen musste, derer habhaft zu sein, sie sich mit einigem Aufwand überwinden musste. Die verwischten Klumpen begannen sie der Deutungshoheit zu berauben. Die sich plötzlich wieder abzeichnenden Bilder wurden auf eine perverse Art klar vor ihren Augen. Vor diesen Augen, die sie doch verlernt hatte zu benutzen, denen sie nie wieder trauen wollte. 

So sehr sie sich auch bemühte, sie konnte ihren Augen weiterhin befehlen, ihr die Informationen zu liefern, die sie bereit war wahrzunehmen. Sie konnte das alles, was sie immer gewollt hatte. Nur hatte sie nicht damit gerechnet, dass ihr Kopf, Ihr Gehirn, Ihr Verstand auch aus dem bisschen Datenmüll all das zusammen setzte, was sie beschlossen hatte nie wieder sehen zu wollen. Pixel um Pixel ergänzten sich. Klotz um Klotz begannen einen Tanz um sich selbst. Die Neuverformung der Wirklichkeit hatte begonnen. Sie versuchte alles, um den Wahnsinn weg zu wünschen. Ihr Wille verweigerte ihr den Gehorsam, drängte sie in genau die Ecke, die sie durch ihre Entscheidung auf ewig zu verlassen suchte. Pixel um Pixel, Klotz um Klotz, Farbmatsche um Farbmatsche umkreisten sie, prügelten auf sie ein, hagelten ihr Lichtblitze ins Hirn, folterten ihre Gedanken mit Realität bis ... ja bis ...

Irgendwann beschließt man einfach damit aufzuhören.