Mein offensichtlicher Vorteil als Blogger? Simpel. Meine Meinungsfreiheit. Mein nicht weniger wichtiger Vorteil, den ich als Internet-User der allerersten Stunde definitiv niemals vergessen, noch verraten werde: Die Anonymität. Im Unterschied zu den – von mir im Übrigen überaus hochgeschätzten – Qualitätsjournalisten, muss ich mich nun in der aktuellen Diskussion, angestoßen unter vielen anderen, auch von unserem – aus Gründen des Identitätsschutzes hier nicht näher mit Klarnamen genannten – aktuellen  Bundesinnenminister, zum Glück nicht mit Klärung der (fachlich wahrscheinlich kümmerlichen) Tatsachen auseinander setzen, sondern kann direkt in Polemik verfallen, eben jenen Minister der Nichtteilhabe an der aktiven Netzgemeinde der frühen oder mittleren Jahre zu bezichtigen. Schlicht und einfach aufgrund seiner – von wem auch immer in seinem Berater-Stab real formulierten aber stets schlicht bleibenden– Forderung: „Das Ende der Anonymität im Internet.“

Ein weiterer, sogar der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des Bundestags vorstehender, natürlich mit Klarnamen ebenfalls hier nicht genannter Politiker, der bereits im letzten Jahr für so manch unterhaltsame Twitter-Meme gesorgt hatte, hat seinen fehlgeleiteten Aktionismus derart aus dem windowsschen Fenster gehängt, dass nicht nur seine extreme Fachferne, sondern auch seine persönliche Hanswurstigkeit peinlich offenbar wurde.

Wenn es Euch, liebe Politiker, nur um „Irre“ im Sinne des extremistischen Umfeldes geht, ganz gleich ob nun rechts oder links verortet, eine fast nachvollziehbare Motivation, wieder einmal genährt von aktuellen, geistesgestörten Massenmörder aus Norwegen, gibt es eine wundervoll gangbare Lösung. Lehrt Eure jeweiligen Gesellschaften Toleranz und Offenheit. Lehrt sie die Liebe zu Freiheit und Offenheit, den Unterschied zwischen Gemeinwohl und Gemeinheit. Bin ich Euch zu schlicht? Seid Ihr mir auch. Spannend.

Glaubt Ihr ernsthaft, Ihr könntet amoklaufende Vollidioten „verbieten“? Mit Zensur und Verboten gegen kriminelle Energien angehen? Die Geschichte hat es doch bewiesen. Könnt Ihr nicht. Ich verstehe sogar, dass Ihr das Internet aktuell als den ungeheuer rechtsfreien Raum anseht, der unkontrolliert das neue Babel, ach was sage ich, Sodom und Gomorrha darstellt, von dem die schlimmsten Sünden und Bedrohungen der Jetztzeit ausgehen. Ich verstehe auch, dass die puritanische Angst, des „Ich muss den eigenen Besitzstand wahren und habe keinerlei Ahnung wie das da funktioniert“ und das eigene absolute Unverständnis Euch diese Einschätzung suggerieren. Gleichermaßen nutzt Ihr diese Strukturen, um unfassbar unkontrollierbare Aktien zu handeln, Kriegshandlungen zu koordinieren oder Politik den Anschein der Transparenz zu geben.

Dummerweise ist Doppelmoral eine der am schnellsten nachweisbaren Schwächen im digitalen Zeitalter.

Man muss keinen, zum Glück randnotizbehafteten, Guttenberg bemühen, um zu beweisen, dass Lügen im Netz ungeahnt kurte Beine haben, wenn sie sich anmaßen, die Realität zu beschreiben. Ähnlich demokratisch, gerecht, wie im Falle des peinlichen Betrügers Guttenberg, geht es im Netz in wichtigen, politischen Angelegenheiten fast überall zu. Die Netzgemeinde hat eine Meinung. Und diese Meinung ist zum Glück weder zentral, noch einhellig. Aber eines ist sie immer: In der letzten Konsequenz demokratisch.

Würde also unsere oder eine andere Regierung mit ihrem leidlich anachronistischen Ansatz der Antianonymisierung des Internets Erfolg haben, zumindest auf Gesetzesebene, denn „real“ lässt sich dieser Gedanke spannender- wie glücklicherweise gar nicht umsetzen, die Freiheit des Individuums nicht mehr umkehren, müsste sie sich Gedanken machen, die sie sich scheinbar unverständlicherweise zur Zeit nicht macht. 12-jährige die sich mit Realnamen bei Facebook anmelden, um ihren Freunden private Fotos zu posten. Dissidenten in totalitär regierten Ländern, die ihren Klarnamen angeben, um demokratische Umstürze zu organisieren. Ihr wirren Geister, ist Euch eigentlich wirklich klar, was Ihr da fordert. Das Problem an Eure Vorstellungen ist, Ihr werdet die Zeit niemals zurückdrehen in die scheinbar gelobten Jahre vor der globalen Vernetzung. Ihr selber habt die Globalisierung gewollt!Ihr habt sie heraufbeschworen. Ihr habt sie mit Eurer Politik forciert. Und plötzlich bejammert Ihr eine Auswirkung Eures Tuns, ohne das große Ganze zu sehen. Ihr seid zu langsam. Schon gemerkt.

Nur nebenher. Ich selber benutze kein Pseudonym. Ich bin ich. Auch hier im – ach so – kriminellen, anonym verzerrten, gar maskierten Raum. Ich bin ich auf Twitter, dem wohl ehrlichsten und spontansten Medium, derer die Ihr fürchtet – zumindest fürchten solltet. Facebook, das Paradies der Klarnamen und Zurschaustellung der eigenen Identität, ist niedlich, ein familiärer Schafstall, in dem Menschen, die Eure penible Sorge nochmals unterlaufen, äußerst private Fotos ihrer Kinder einstellen, ist nicht Euer Problem. Diese Plattform ist Eurer Datensammelsucht doch eher zuträglich. Seid einfach ein wenig ehrlich. Ihr fürchtet das politische Kollektiv, den realen Menschen mit Meinung. Dem Bestehen Eurer merkwürdigen Kaste, zumindest in der korrupten, lobbygeleiteten Form, wie sie sich derzeit den „neuen Medien“ (wann seid Ihr eigentlich aufgestanden?) gegenüber ängstlich manifestiert, wurde leider schon zu lange zugeschaut und erst das „Mitmach-Medium“ Internet scheint hier die konzeptionellen Risse zu nutzen, die sich schon seit Unzeiten zeigen.        

Ich, als Privatmensch Markus G. Sänger, habe keinerlei Probleme, mit Gruppen wie „Anonymous“, die den Finger in die aktuelle Wunde legen. Ich verstehe aber jeden meiner Freunde auf Twitter, Blogger oder sonstwo, die sich angesichts solcher Umstände sicherer fühlen, unter einem absoluten Pseudonym zu schreiben. Deshalb breche gerade ich eine Lanze für alle jene, die dafür kämpfen, das Netz anonym zu halten. Ihr   habt Ihr eigentlich auch nur eine ungefähre Ahnung davon, wie aktiv das Netz sich selber kontrolliert, sauber hält und reguliert? Nein, habt Ihr natürlich nicht. Weil Ihr kein Teil der Netzcommunity seid. Weil Ihr nicht verstehen könnt, wie Meinungsfreiheit außerhalb staatlich kontrollierter Mechanismen funktionieren kann. Weil Ihr schlicht nicht akzeptieren wollt, dass Menschen frei sein wollen. Menschen, die nicht zwangsläufig „Böses“ im Schilde führen. Die sich nicht zwangsläufig am Zersetzungsprozess der Gesellschaft im demokratischen Sinne befleißigen. Ihr solltet EINES einfach mitnehmen: Das Netzt ist das Demokratischste was es jemals gab. Und das Zweite, was Ihr mitbekommen solltet ist, dass die Netzgemeinde kein rechtsfreier Raum im Sinne moralischer Verrohung ist. Die alte Tante Moral genießt hier durchaus einen guten Ruf. Ein Ruf, dessen Ihr Euch nicht habhaft fühlen dürftet. Ein Regulativ, welches im Unterschied zu so vielen fragwürdigen Staatsformen, die Ihr mit Eurer Politik – Waffenkäufe, strategische Partnerschaften, imagefördernde Staatsbesuche – unterstützt, mit sich im Reinen ist.

Nehmt es einfach mit:
Ich bin genau der, der ich vorgebe zu sein. Weil ich es kann – Euer Glücksfall. Und wenn es Menschen gibt, denen dieser unglaubliche Luxus nicht vergönnt ist, die sich mit Eurer Beobachtung unwohl fühlen, oder die schlicht keine Lust dazu haben oder schlichten und ehrlichen Spaß an Maskerade haben (spießiger, bürgerlich anerkannter Karneval, merkst Du was?), so ist dies kein Ausdruck verbrecherischer, terroristischer oder zersetzender Tendenzen, sondern schlicht sein oder ihr Bürgerrecht.     
  
Wer sich anschickt, das Internet derart reglementieren zu wollen, als wäre dies die gewohnte Realität, hat es schlicht nicht verstanden und ist zum Anderen leider KEIN lupenreiner Demokrat.


Besonnenheit wähnt sich geduckt
inmitten einer Apathie
die sich höchstselbst den Ursprung gab
denn kleiner war sie sicher nie
als jetzt da sie sich setzen kann
ins reine Licht von Ja und Amen
behütet sicher vor Gefahr
so simpel sind die kleinen Dramen.

Verlegenheit gibt sich die Ehr`
in unsagbar verpeinlicht Stolz
des einen Seele ist aus Zeder
des anderen aus Eichenholz.
Wo einst die Axt und Tat beriefen
die Freiheit um das Wort zu ehren
bleibt stumpf daheim der Meinungsschild
es gilt das Hab und Gut zu mehren.

Geh aus mein Herz und suche Sinn
zu billig ist das pure Haben
Wenn Auge, Ohr und Rumpfgefühle
versuchen sich an Tand zu laben.
Wenn Massen stur ohne Verstehen
sich kreiselnd winden um das Kalb
das schon vor Monden nichts mehr wert war
Statt Gänze ist es mehrfach halb.

Die Feigheit ist nun losgelassen
das Imitieren Konsensstrom
Die Feigheit ist nun losgelassen

Wenn ein Mensch, ein Kunde, das Produkt einer Marke kauft, so soll diese immer auch den ihr innewohnenden Glanz, ihre imagetragenden Eigenschaften auf ihn abstrahlen. Handelt es sich um eine Lifestylemarke, ist dies sogar ihre hauptsächliche Aufgabe. Die tatsächlichen, real beschreibbaren und technisch immanenten Produktvorteile müssen hier umso weiter in den Wahrnehmungshintergrund treten, desto aufgeladener das betreffende Produkt mit ideellen und subjektiven Attributen daherkommt. Der Käufer wird zum Fan – in schlimmeren Fällen sogar zum Abhängigen in einem religiös verblendeten Sinn – und trägt jenes seine eigene Wahrnehmung auf sich selber enorm steigernde Produkt voller Stolz gut sichtbar mit sich herum, selbst oder gerade auch, wenn es sich nicht um ein Kleidungsstück handelt. Soweit so gut. Die verehrten Wirtschaftler würden sich in einer Win-Win-Situation wähnen und frohlocken.

Nun gibt es jedoch jene Differenz zwischen von Käuferseite gewollter und real gefühlter Abstrahlung und der andererseits ebenfalls realen Aufnahme des Markenglanzes bei Dritten, bei den Rezipienten des Schauspiels. Und ein solches ist es nur all zu oft, wenn sich Markenjünger mit dem Objekt, dem Logo ihrer Begehrlichkeit in die Öffentlichkeit begeben, selbstsicher und behütet durch ein überbodenes, aber eben nur geliehenes Selbstbewusstsein, ihr eigenes Ich mit Imageversprechen aufgeladen durch die Realität chauffieren. Der leuchtende Apfel, der flachste Tablet-PC, das schlichteste Smartphone verschaffen seinem Besitzer gefühlt jene zusätzliche Begehrlichkeit, die das eigene Sein seinem Träger bislang versagt hat. Der mühevoll – und teuer – geshapte Body mit dem perfekten und selbstverständlich sichtbaren BMI wird erst perfekt durch den geleasten Sportwagen, der ihm den richtigen Auftritt verschafft. Ausstrahlung auf Pump. Dieses auf den ersten Blick inhaltsarme Verhalten verfehlt seine Wirkung definitiv fast niemals bei Menschen, die ähnlich ticken, wie der Imageträger, denen der konsumierbare Artikel, gleich welcher Couleur, ebenfalls Halt und Sicherheit verleiht, die Marken wie Parfüm tragen. Nachvollziehbar – umgibt man sich doch auch eher mit seinesgleichen, sucht die gleichen Lokalitäten auf, wie die Menschen denen man imponieren möchte und die einen imponieren, mit denen man sich in einem ständigen Schauwettkampf befindet, die man zu übertrumpfen das letzte monetäre Hemd zu geben bereit ist, solange es den eigenen Glanz heller erscheinen lässt.

Leider hat jede Bewegung seine Gegenbewegung. Jede Marke seine Antimarke. Spiderman hat Venom, Apple hat Windows, Facebook hat Twitter. Und nun wird es spannend. Denn in der jeweils anderen Szenerie, im beinahe weltbildlichen Zusammenhang des Konträren verliert die auf der einen Seite unglaublich wertvolle, teure und Beifall fördernde Marke mit einem Schlag all ihre Strahlkraft und jeglichen Wert, sobald sie auf der anderen Seite wahrgenommen wird. Die Vorzeichen kehren sich um. Was gerade noch in der eigenen Umgebung den eigenen Status enorm beflügelt und gefestigt hat, lässt einen nun von jetzt auf gleich zum Hanswurst werden, der sich sein nicht selten zu kleines Ego mittels Marken hat aufspritzen lassen. Die Intensität der Wahrnehmung leidet darunter in keiner Weise, denn Feindbilder sind beinahe noch stärker als das Vertraute. Jeder nimmt die vermeidlich feindliche und hassenswerte Marke beinahe stärker wahr, als die selbst begehrte.

Spannenderweise kann man diesen Prozess in jeglichem sozialen Umfeld beobachten. Hier geht es nicht um Schichten, soziale Klassen oder kulturelle Determination. Das fängt bei Biermarken an, geht über die Devotionalien von Fußballvereinen – hier bereits sogar auf Stadtteilniveau – hört bei Musikinstrumenten noch lange nicht auf, findet einen perversen Peak bei Unterhaltungselektronik, spaltet ganz eklatant bei Musikstilen und deren Protagonisten und endet nicht bei Kraftfahrzeugen, Bekleidungsfirmen oder Nahrungsmitteln. Natürlich geht es auch immer darum, wie wertvoll sich eine Marke, ganz simpel im Sinne des Preises, darstellt. Aber das Phänomen auf diesen einen Punkt zu reduzieren wäre zu simpel. Nicht jeder, der sich einen BMW leisten könnte, tut dies auch. Unabhängig vom Preis steht hinter jedem Produkt mittlerweile eine Weltanschauung und Marken clustern sich zu Markenweltbildern. Ich könnte zwar nun die Theorie aufmachen, dass das Kaufen von Strahlkraft, also das Bedienen an fremder Leistung zur Steigerung des eigenen Status umso weiter verbreitet ist, desto kleiner das real vorhandene Ego des Betreffenden sich darstellt, aber zum einen wäre dies sogar mir zu simpel und zum anderen ist es in der Tat weitaus komplizierter. Dennoch setze ich letztgenannte Theorie als noch abzustufendes Massenphänomen bedingt voraus.

Fakt ist, dass die Halbwertzeit der gekauften Markenstrahlkraft ohnehin ausschließlich in der eigenen soziologisch angepassten Umgebung funktioniert. Verlässt man dieses sichere Terrain, nützt einem keine Marke der Welt, um die Lücken der Unsicherheit wettzumachen und mit Glanz zu kitten. Dies zu verstehen, besser einzusehen, fällt jedoch logischerweise unglaublich schwer, ist doch die eigene Wahrnehmung immer noch dieselbe. Deshalb gibt es sie ja auch, die zum Teil peinlichen Momente, in denen allen, außer dem Markenjunkie selber bewusst ist, welche arme Wurst sich gerade mit Hilfe gekauften Respekts durch den Moment laviert – aber auch die erhebenden Momente, die einen auf sich selbst bezogen eine Art perversen Frieden finden lassen, wenn man es schafft, das eigene Verhalten, die eigene Zurschaustellung einer Meinung, untermauert durch die dieses Verhalten unterstützende Marke als jene Stärke oder Weitsicht zu sehen, die nicht zu haben man den anderen – bestenfalls der Masse – unterstellt.

Ich möchte hier weder über die Marken urteilen, die sich dieses psychologische Manko ihrer Kunden zunutze machen, noch über die Menschen, die sich ihres Verhaltens zumeist durchaus bewusst in diese spannende, bezahlbare Abhängigkeit begeben, aber eben auch genau das zurückbekommen, was sie ansonsten vermissen müssten, gehöre doch auch ich zu irgendeiner Clique oder Anti-Clique von Verbrauchern. Und so bejubel ich den Umstand des Abglanzes definitiv und möchte ihn und all seine Begleiterscheinungen, skuril oder peinlich, lachhaft oder ehrenwert, nicht missen.
Liebe extremistisch verblendeten Religionisten, geistesgestörte Weltverschwörungstheoretiker, vollverspackte Egobomber, staatterroristische beauftragte Folterknechte, Möchtegernherrscher mit diktatorischen Ambitionen und Artverwandte.

Ich möchte Euch hiermit mit sofortiger Wirkung dazu aufrufen, Euch zu organisieren. Gründet einen Club, eine Website, ein Forum, eine Plattform, eine Selbsthilfegruppe, was auch immer. Schließt Euch auf jeden Fall baldigst zusammen und sucht Euch eine unbewohnte Insel irgendwo auf der Welt. Dorthin zieht Ihr dann in eine Kommune der Bekloppten und Asozialen und tauscht Eure jeweiligen Phobien mit gleich oder ähnlich Gesinnten aus. Hier findet Ihr dann auch jene Zuhörer, die Ihr so schmerzlich vermutlich seit frühester Kindheit vermisst und die Ihr stellvertretend von der von Euch terrorisierten Weltöffentlichkeit einfordert. Ihr könnt vor Ort dann Eurer kranken Neigung nachgehen, Menschen zu sprengen, zu erschießen, zu foltern, zu vergewaltigen, zu quälen und schlicht zu töten. Nur sind es in diesem Fall keine unschuldigen Menschen, die Ihr sinn- und wahllos zur Hölle verurteilt, sondern "Menschen" wie Ihr selber. Die müssten ja im Umkehrschluss, ob ihrer eigenen Veranlagung, einverstanden sein mit Euren wie auch immer gearteten und komplett sinnbefreiten Taten und stehen Euch bestimmt gerne hilfreich als Opfer zur Seite. Also bitte, folgt meinem Rat und lasst die Welt mit Eurer infantilen Scheiße in Ruhe. Wir interessieren uns nicht für Euch und Angst haben wir schon lange keine mehr.


Ehrlich, ich habe Euch und Eure peinlichen Taten einfach nur satt, Ihr unwichtigste Randerscheinung einer völlig fehlgeschlagenen Mutation der Evolution.

Schleicht Euch!
Vor Direktheit geblendet Neid
In vorzeigbarer Manier
Gezeichnet von Raum und Zeit
Bewahrt von knarzend Scharnier

Direktheit in furchtsamer Ehr
Geneigt gen verbaler Gewalt
Gesundheit bleibt ohne Gewähr
Und kaum einer wird hier noch alt

Korrumpierbar per eiskalter Wut
In tödlich belehrbarer Art
Sich zu weigern bedarf es an Mut
Kontrollierbar verpasst Gegenwart

Autonom generierbarer Tat
Setzt entgegen des Schaffens Zorn
Und bevor Ihr es wirklich gewahrt
Beginnt all der Zobes von vorn.


Ich male ja leider nicht hauptberuflich Blog, schreibe Bilder oder zeichne Bücher.
Geld kommt natürlich durch harte Arbeit rein - und die ermöglicht mir auf eine wahnsinnig inspierende und durchweg spaßige Art die Agentur Kugelfisch in Essen-Rüttenscheid.

Und da wir eine Kommunikations-Agentur sind, kommunizieren wir viel und gerne. Auf unsere eigene Art. Und darum geht es in unserem Buch aus der Kugelfisch-Edition (#4) "WENN KEINER DANN DU". Das gibt`s zu gewinnen - für ein einfaches "Gefällt mir" auf unserer Facebook-Seite.
Am 1.8. bekommen die 5 glücklichen Gewinner unter unseren Fans die Hardcover-Ausgabe frei Haus.

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Der Gewinn ist hier jedoch der Eintritt zum Essen-Gig am 18. November 2011 im Essener Unperfekthaus PLUS die aktuelle, limitierte und signierte CD "Damocles" PLUS ein Gastauftritt mit uns (wenn Ihr mögt ;-)

Der direkte Weg hierzu:
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Und der schönere:
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Viel Spaß und viel Glück,
vom Markus

Die CHRONIK - Teil 1

JUNI 1992 - SEPTEMBER 1993

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JUNI 1993

Nach der unschönen und nicht ohne böses Blut ablaufenden Auflösung der Waverock-Band FRIDAY IS SCRAPPED im November 1991, die für uns alle die erste Band war, die nicht nur in dunklen Probekellern die Freunde zu begeistern wußte, sondern den Weg auf die Bühnen fand und uns allesamt in den Zustand des Live-Musik-Machen-Wollen-Junkies versetzte, folgte eine mehrmonatige Phase des Abwartens, die im Großen und Ganzen der Tatsachen geschuldet war, dass Holger bis Juli 1992 seinen Wehrdienst ableisten mußte.

Es war im Juni 1992 als wir uns - nicht nur sicher, weiter Musik machen zu wollen, zu müssen - in unserer Stammkneipe und Ersatzheimat KlimBim in Wtten trafen und beschlossen eine neuen Band zu gründen. Die Musikrichtung stand nicht ansatzweise zur Debatte und bis heute gab es dieses stille Abkommen über Stile die absolut nicht eingschlagen werden durften, alles andere ergab sich dann schon.

Allesamt um die 20 herum (Holger 20, Lars 20, Frank 21, Markus 21) beziehen wir einen vom Platzangebot überaus großzügigen Proberau im 3. Stock des Herner Bunkers in der Amalienstraße. Mit 70 Quadratmetern toppt er für seine 290,- DM im Monat einfach jede Wohnung damals. Wenn er auch nicht wirklich in Punkto Hygiene und Ambiente punkten kann. Die Toilettenbeleuchtung blieb gerade so lange an, dass man seine Notdurft in Höchstgeschwindigkeit - möglichst auch nur irgendetwas zu berühren - ausführen konnte, um schnellstens wieder in Richtung des heimelig notbeleuchteten Proberaumes zu gelangen. Wehe dem, der das Wagnis einging und sich auch noch die Hände unter dem tröpfelnden Rinnsal des Wasserkranes waschen wollte. Eine Bar aus rohen Maresteinen sowie eine sich Sitzecke schimpfende Pilzaufzuchtstation in Plüsch bilden den Eingang zu unserem Rifugium, welches wir in dieser Zeit zwei bis drei mal die Woche aufsuchten.

Eine der erste Proben im Sommer 1992 sorgte direkt dafür, dass wir uns während einer Samstagnachmittagsprobe bewußt wurden, dass das Gebäude trotz der dicke Mauern bis auf Gartemperatur aufheitzen konnte. Die wüstenähnlichen Temperaturen hatten zur Folge, dass wir das erste und bislang einzige Mal in unserer Geschichte in Unterhosen probten.

Elke - der leider sich selbst tätowierende Hausmeister des Etablissments - wies uns zum Glück darauf hin, dass ein wundervolles, lebenrettendes Luftzufuhrrohr aus unserem Raum durch den Flur, einen weiteren Raum und die meterdicken Bunkermauern nach draußen führte und uns auch in solchen heißen Phasen immer frische Luft garantierte. Leider haben die stets bekifften Metaller, deren Namen mir leider wirklich entfallen ist, aus dem durchkreuzten Raum unser Rohr kurzerhand im Drogenrausch durchtrennt, weil sie nicht wollten, dass ein Rohr durch ihren Raum geht. Nun ... gut. Aus purem Dank haben wir dann einen der ihren, den sie wohl bei einem Gelage dort seit einem Tag vergessen hatten, aus seinem eigenen Proberaum befreit - bei offener Tür! Gott sind wir immer schon gut gewesen.



Oktober 1992


Der Notwendigkeit eines Namens bewußt, stellen wir uns verschiedenen Vorschlägen, beispielsweise dem FIELDS OF THE NEPHILIM-beeinflußten Vorschlag PREACHERMEN, der von den glühenden Fields-Verehrern Holger und Markus ins Rennen geschickt wurde. Lars ist es jedoch letztendlich, der eines Tages das erste PINK FLOYD-Album mit zur Probe bringt, auf dem der Titel „Luzifer Sam" enthalten ist, hier den Namen einer Katze darstellend. Wir sind alleamt sofort begeistert vom Song und seinem Namen und bennen uns stante pede nach diesem Song.
Alle anderen die den Namen in Folge hören sollten, fanden ihn wenig überzeugend oder gar schecklich. Aber hey, wenn das nicht anspornt.



November 1992


Die frisch benannte Band LUZIFER SAM fährt für 3 Tage ins hessische Lippling in das Ferienhaus von Lars Eltern zwecks kreativen und exzessiven Saufens. In diesem gemütlichen Dreieckshaus, gelegen in einem Ferienpark entsteht zu winterlichen Außentemperaturen die später legendäre Zeile zum psycholelischen Teil von „Millennium", welches nur live zu Ehren kommen sollte, die von einem schneebedeckten Hügel erzählte. Markus wird zu dieser Szene noch Jahre später behaupten, er habe überall Hamster auf schneebedeckten Hügeln gesehen, als die Band nachts noch einen Verdauungspaziergang machte. Weiterhin entsteht hier die Unplugged-Version von „Butterfly On A Wheel", welche sich heute nict mehr auffinden läßt, was nicht wenige der damals Anwesenden als „von irgendwem gewollte" Sicherheitsmaßnahme ansehen.



5. Januar 1993



Alle Luzifers treffen sich am Abend im KlimBim in Witten - der Stammkneipe, besser des Ersatzwohnzimmers aller Bandmitglieder seit den Tagen des ersten öffentlich verzehrten Bieres - mit Björn Pinno, einem flüchtigen und eher zweifelhaften Bekannten aus Schultagen, der sich seit geraumer Zeit anschickte, Witten in Sachen Livemusik wieder etwas auf die Sprünge zu helfen. Pinno hat eine Konzertreihe in Planung mit dem vielversprechenden Namen „Witten lebt!", zu dessen Auftakt LUZIFER SAM einen ersten Gig spielen sollen.

[Bild: KlimBim, Auftrittsvertrag Rock Forum mit Pinno] 
1992
6. Januar 1993


An diesem kalten aber trockenen Mittwoch entstehen die ersten offiziellen Fotos von LUZIFER SAM vor der Linse von Thorsten Mücke, einem weiteren Schulfreund. Im Hotel Haus Hohenstein, dem damaligen Zuhause von Holger muss vor allem das Treppenhaus für den wenig entschlossenen erste Versuch herhalten. Holger mit Hut, Markus mit Palästinenser-Tuch, Lars in Jeans-Jacke und Frank im Strickpulli geben ein wenig geschlossenen Bild ab, jedoch nimmt dieses formal wenig gelungene Foto im Bild bereits einige der musikalischen Experimente der nächsten Jahre vorweg.

[Bilder: Bandfoto, Thorsten Mücke aus Sinep]


12. Januar 1993


Die Band hat ein Gespräch mit dem bis heute nachnamenlosen Matthias vom Schwedenheim in Witten, einem alternativ geprägten Jugendzentrum an Rande von Wittens Wäldern, um einen weiteren Auftritt klar zu machen.



26. Januar 1993


Die ersten LUZIFER SAM-Aufnahmen werden gemacht. Nicht als offizelles Demo, sondern vielmehr als Radiowerbung für das erste Konzert gedacht, ist der technische Aufbau mehr als provisorisch. Toningenieur Reinhard Schulte, einen Bekannten von Björn Pinno, schleppt sein ganzes Equipment
in den Probenraum nach Herne. In einem wilden Kabelgewirr finden „Dark Substance" - der später meistaufgenommene LS-Song- und „Silent Grave" den Weg auf Band. Die Aufnahmen kosten zahme 150,- DM, die jedoch damals bereits eine ganze Stange Geld darstellten, bekamen man doch pro Nase etwa 20 Pils im KlimBim dafür. Die - bedenkt man die Umstände - doch ganz passabel klingenden Songs werden später im Lokalradio als Teaser für das Kontert gesendet.

[Bild vom Bunker in Herne, Amalienstraße]



1. Februar 1993


In diesen Tagen der „ersten Male" wird auch das erste Interview aufgezeichnet. Und zwar im Studio des Krankenhaus-Funks in Witten für den Lokalradiosender Radio EN. Die Sendung ist ein Double-Feature von LUZIFE SAM und BODY LOST ITS SIZE, die ebenfalls bei „Witten lebt!" auftreten werden. Pinno - der Jahre später seinen Weg als Radiomoderator und Außenreporter bis zu WDR 2 schaffen sollte - ist als Veranstalter auch gleichzeitig der Moderator der Sendung.

[Bild von Pinno und BODY LOST ITS SIZE]



3. Februar 1993


Frank und Holger geben - wieder zusammen mit BODY LOST ITS SIZE - das zweite LUZIFER SAM-Interview. Dieses Mal ist es ein Live-Interview in einer Sendung von Radio-EN.

[Abdruck des Interviews ]



9. Februar 1993


Das aufgezeichnete Interview vom 1. Februar wird auf Radio-EN zwecks PR für das Konzert ausgestrahlt. Während der Sendung wird auch Musik der teilnehmenden Bands eingespielt, was das erste Airplay für zwei LUZIFER SAM-Songs bedeutet. „Silent Grave" und „Dark Substance", die Aufnahmen vom 26. Januar, verstreuen den spröden Charme einer wirren und provisorischen Bunker-Aufnahme, was aber völlig egal ist, denn alle sind stolz wie sonst was, endlich die eigenen Songs im radio zu hören.



13. Februar 1993


Nach nunmehr sieben-monatigem Bestehen entern LUZIFER SAM zum ersten Mal die Bühne, und zwar als Opener für das 2. „Witten lebt!"-Festival im Wittener Albert-Martmöller-Gymnasium, welches der Band bestens vertraut ist. Sind doch alle Musiker hier bis vor einem, bzw. zwei Jahren zur Schule gegangen. Im Programm finden sich noch teilweise Songs aus alten FRIDAY IS SCRAPPED-Zeiten, aus falscher Nostalgie, wie sich später herausstellt, da schon kurze Zeit später wesentlich LUZIFER SAM typischere Titel entstehen.
Als zweite Band spielen BODY LOST ITS SIZE vor der Crossover-Formation SOMETHING COMPLETELY DIFFERENT, die dem Zeitgeist entsprechend eine Art CHILI PEPPERS-Clon sind und durch ausgefallene Kleidung, sowie affektiertes Rumgehampel ihre durchaus überzeugende musikalische Leistung überdecken.
Etwa 200 - 230 Zuschauer verfolgen das Konzert. Da die Gage von LUZIFER SAM aus 15 % der Eintrittsgelder besteht, fließen an diesem Abend 400,- DM in die Bandkasse.

Setlist:
1. Here Comes Blasphemy (FIS)
2. Delirium II
3. Dark Substance
4. New Trivial Thoughts (FIS)
5. Beyond The Lines
6. God Of Dismay (FIS)
7. Embryonic Womb Walk
8. Millenium
9. Alice Dee
10. Silent Grave
11. Return To Hate
12. Bones
13. It`s A Sin (Pet Shop Boys)

[Artikel Coolibri über „Witten lebt!" ]



26. März 1993


Das zweite Konert von LUZIFER SAM steigt im Wittener Schwedenheim um 20:00 Uhr. Als Vorgruppe spielen JAGHAMMA mit Ecki Eckartz, dem Schlagzeuger der legendären LUNATIC ASYLUM. Es wird ein ziemlich spaßiger Auftritt, übrigens der erste mit Nebelmaschine, welche aber erst am Schluss eingesetzt werden kann, da der kleine und enge Laden keinen wirklichen Luftabzug hat. Aufgrund von fehlender Werbung kommen nur etwas 30 Zuschauer, was der Band neben 150,- DM Gage eine gute Chance zur Übung bietet. Die Setlist sieht größtenteils so aus wie beim ersten Gig im AMG, nur in veränderter Reihenfolge und ergänzt durch das neue „Time And Again".

[Bild: Schwedenheim]



Ende März 1993


Die Band bewirbt sich mit dem selbstgemachten Tape von Rainhardt Schulte bei einer Ausscheidung für die Maitage und einen Platz auf der dazugehörigen CD. Natürlich wird daraus nichts, da die Aufnahmen zum einen doch recht spärlich sind, der Name LUZIFER SAM zum anderen zum ersten Mal seinen düsteren Schatten des Vorurteils über die Band legt und die Songs für Wittener Verhältnisse schlicht zu hart sind.



Mai 1993


Mit den gleichen Aufnahmen bewirbt man sich auch für WITTEN TOTAL und wird prompt engagiert. Da die vier Musiker mit FRIDAY IS SCRAPPED bereits 1991 bei diesem stadtfüllenden kleinen Bruder von BOCHUM TOTAL aufgetreten waren, hatten die Damen vom Kulturamt Witten, Doris Plakolmer und Iris Müller, sogar schon auf die Bewerbung von LUZIFER SAM gewartet.

[Vertrag WITTEN TOTAL]



2. Juli 1993


Da ohne richtiges Demo nichts läuft und auch die heißersehnten Auftritte auf sich warten lassen, geht LUZIFER SAM an diesem Wochenende - vom 2. bis zum 4. Juli - zum ersten Mal ins Studio. Die Wahl fällt auf das Banana-Studio in Hagen, das von Hans-Georg „Haan" Plattke, dem Schlagzeuger der Bochumer Band und Institution HARTMANN betrieben wird. Hier entsteht bei sommerlich drückenden Temperaturen das erste Werk: „A Failed Effort To Putsch". Das 16-Spur-Demo wartet mit 4 Tracks auf:
1. „Disfigured Age"
2. „Time And Again"
3. „Dark Substance"
4. und „Alice Dee"
Mit Tetris, Badminton und Pizza hält man sich bei Laune und stellt die Arbeiten nach stundenlanger Arbeit um 22:30 Uhr am Sonntagabend fertig.



9. Juli 1993


Die Band ist wieder im Studio. Dieses Mal um die Aufnahmen von letzter Woche mit Haan abzumischen. Das Mastertape und zunächst 100 Kassetten, samt Beschriftung kosten zarte 1300,- DM.

[Bild: „A Failed Effort To Putsch"-Cover]



Ende Juli 1993


Es gibt erste Überlegungen und Versuche die Musik mit Backgroundgesang zu „bereichern".



[Bild: Artikel „The show must go on" zu WITTEN TOTAL]

Programmheft WITTEN TOTAL 1993
LUZIFER SAM
... show must go on
Nachdem wir im letzten Jahr noch die Wittener Band FRIDAY IS SCRAPPED vorgestellt haben, hatte die Band dummerweise nichts Besseres zu tun, als sich umgehend aufzulösen. Gott sei Dank haben sie aber die Gitarren, Bässe und anderes Equipment nicht an den Nagel gehängt, sondern formierten sich neu und heißen jetzt LUZIFER SAM. Textlich immer noch an düsteren Themen interessiert, hat die Musik doch ein wenig an Härte gewonnen. Bestimmt ein interessanter Opener für ein Bühnenprogramm, welches mit Vorurteilen über Elektronik und Wave aufräumen wird.


14. August 1993


Das dritte Konzert von LUZIFER SAM startet um 17:00 Uhr in brütender Sommerhitze auf Bühne 3 auf der unteren Bahnhofstraße in Witten im Rahmen von WITTEN TOTAL 1993. Trotz des vorangegangenen Gyros-Essens im Ardeygrill und trotz der nicht wenigen Biere im KlimBim vorher, ja und selbst trotz der sengenden Sonne, die allen Beteiligten nicht unwesentlich zusetzt, spielt die Band ein durchweg überraschend gutes Set und wird vom zahlreich erschienenen Publikum bestens aufgenommen.
Der vom Mischpult aus mitgeschnittene Auftritt belegt später sehr gut, warum allen außer Holger, die Mikros, die eigentlich die zweiten Stimmen bei LUZIFER SAM etablieren sollten, wieder weggenommen wurden. Der Mischer hat ein Einsehen und pegelt alle Background-Mikros während der Songs runter, was Lars zwischen den Songs nicht daran hindert vollmundig seine Klümpchen-Wurf-Aktion anzukündigen, welche er später auch mit Hilfe von zum Wurfgeschoss umgewandeten Hansa-Pils-Dosen umsetzt.
Die Songs kommen flüssig, auf den Punkt und obschon Markus wieder einmal durch das freigesetzte Arenalin, welches ihn bei Live-Gigs zeit seines Lebens euphorisieren sollte, wieder mächtig aufs Gas drückt und seine Mitmusiker an den Rande ihrer Fähigkeiten treibt, wird dieser Gig - 15 Jahre später von Holger digitalisiert - als einer der besten in Ton dokumentierten Auftritte von LUZIFER SAM in die Geschichte eingehen und post mortem als ein Vermächtnis auf der Live-CD „A Failed Effort To Putsch - Live" verewigt.
Nach diesem bisher weitaus besten Gig, der wie bisher alle von Holger Bartz auf Film gebannt wurde, treten auf der Bühne 3 noch 2ND DECAY um die kongenialen wie verrückten Purwien und Sippel, PSYCHE aus Kanada und THE ETERNAL AFFLICT aus Essen auf. Ganz lustig ist es im Übrigen, dass nach dem LUZIFER SAM-Auftritt der Himmel seine Pforten öffnet und mit heftigem Regen und Blitzen eine von nun an gute Open Air-Tradition von LUZIFER SAM begründet, die auch nach über 10 Jahren von der Nachfolgeband PORTER noch zelebriert werden wird: wähend oder nach dem Gig wird es unweigerlich regnen.

Setlist:
1. Disfigured Age
2. Embryonic Womb Walk
3. Here Comes Blasphemy
4. Dark Substance
5. Time And Again
6. Alice Dee
7. Beyond The Lines
8. Millenium
9. Silent Grave

Mitte August 1993

Der zweite Versuch vernünftige Fotos zu machen wird gestartet. Heute versucht Marco Nagel sein Glück als Fotoraf. Keiner der Beteiligten weiß zu diesem Zeitpunkt, daß Marco Jahre später nach seinem Studium eine erfolgreiche Fotorafenkarriere in München ereilen wird. Die Band fährt mit ihm - völlig dem damaligen Klischee entsprechend - auf einen alten Friedhof an der Hohensyburg nach Dortmund und nach Hohenlimburg zu einem alten Turm, der der Familie Böing gehört, mit dessen Tochter Anne Böing Frank in dieser Zeit liiert ist und deren Bruder Till keine zwei Jahre später bei LUZIFER SAM als Bassist einsteigen sollte. Die Ergebnisse dieses Shootings sind immer noch wenig zufrieden stellend aber imerhin sind einige vorläufig verwertbare Bilder darunter.

[Fotos: Friedhof, Turm und Marco]


1993
Ende August 1993

Ein gewisser Axel Ritt von Humbucker Music aus Darmstadt schreibt uns, dass er über irgendwelche Umwege, über einen Mark Schönfeld, ein Tape von uns in die Hände bekommen hat und die Musik ziemlich gut fände. Mit der Bitte, ihm genauere Infos über uns zukommen zu lassen, macht er uns ziemlich neugierig.

[Abb.: Brief von Axel]



4. September 1993

Der vierte Auftritt ist - der Jahreszeit entsprechend - wieder ein Open Air. Und diesmal wieder im Schwedenheim. Björn Pinno hat fünf Band engagiert, um mit dem „2. Summertime-Jam" viele Leute anzulocken. Tja, nur leider laufen ausgerechnet an diesem Tag diverse Veranstaltungen parallel und es regnet in Strömen - alles andere würde uns auch nicht gerecht werden. Ziemlich blöd für ein Open-Air. In folgender Reihenfolge treten die fünf Bands ab 18 Uhr auf:
LUZIFER SAM, BODY LOST ITS SIZE, KING SIZE (Frankreich), BLOW BEAT (Holland), SOMETHING COMPLETELY DIFFERENT. Da wir nur für Bier und Spaß spielen, ist es das erste Mal seit der Zeit von FRIDAY IS SCRAPPED, dass die Band - insbesondere Lars und Markus - mal wieder reichlich angentrunken auf die Bühne geht. Somit wird der Abend zur spaßigen Angelegenheit, was jedoch dem musikalischen Ergebnis nicht zuwider läuft, ebenso wie das bandübergreifende Besäufnis nach dem Konzert. Der zu diesem Zeitpunkt nicht mehr sehr hoch in unserer Gunst sehende Pinno, hat an diesem Abend schätzungsweise 5000,- DM Verlust eingefahren. Ein positives Resumee an diesem Abend stellt der Kontakt zu der französischen Band KING SIZE dar, mit der wir uns in unglaublich abenteuerlichem Englisch, bei besagtem Besäufnis bestens unterhalten haben.



10. September 1993

Der WDR erwirbt die Senderechte an „Time And Again" und Flora Jürgens spielt den Song auf WDR 1 um 21:55 Uhr in Ihrer Sendung SOUNDFABRIK, die als eine der wenigen Bastionen der Independent Musik zum damaligen Zeitpunkt, einen zweifelsfreien Leumund genießt, und lobt die Musik als „eine treffende Mischung aus Wave und hartem oder schweren Rock". Die Senderechte bringen und das bescheidene Honorar von 50,- DM. Die Band verfolgt das bisherige Highlight in der Bandgeschichte geschlossen in der Kellerbar von Markus` Eltern. Da „Time And Again" in der Demo-Version jedoch über 5 Minuten lang ist und die Nachrichten des WDR pünktlich um 22:00 Uhr zuschlagen, kann man an diesem Abend dem einmaligen Zusammenbruch von Lars beiwohnen, der mit anhören muss, wie die Übertragung des Songs, durch die Nachrichten exakt in der Sekunde vor seinem heißgeliebten Solo unter- und abgebrochen wird.


... to be continued ...
Meine erste Band. Es war 1988.

Vanishing Line – Der Aufbruch

Es muss in etwa der Frühling des Jahres 1988 gewesen sein, als Holger Kliem, Arnold Wrobel, Carsten Schüler und meine Wenigkeit, Markus Sänger, im Alter von 16 Jahren unsere erste „richtige Band“ zu gründen beschlossen. Motiviert durch die eigene beinahe grenzenlose und bis heute ungebrochene Leidenschaft für Musik, die tiefe Bewunderung für Bands aus einem Spektrum von New Wave über Punk bis Metal und das damals in der Tat sehr starke und gute Gefühl, etwas Neues erschaffen zu wollen, zusätzlich unterstützt von dem spannenden Gedanken an künstlerisch motivierte Trinkgelage und damit einhergehenden Diskussionen über Gott und die Welt, begannen 4 Freunde Ihre Vorlieben zu vereinen und auszuleben. Und dabei haben wir noch nicht einmal vorrangig daran gedacht Mädchen mit unserer Kunst zu imponieren, was bis heute beinahe eines der größten Mysterien der Band darstellen sollte.

Den Mangel an Instrumenten, geschweige denn einer Kenntnis ihres adäquaten Bedienens, verleugnend, fand man schnell den ersten Proberaum und somit festen Stützpunkt für die rund 2 ½ Jahre in denen Vanishing Line existieren sollten: Markus Jugendzimmer. Hier ließ sich alles aufbauen und verstauen, was man als Teenager zum Songschreiben im Jahre 1988 benötigte. Holgers rote, mit einem unübersehbaren „Yeah“-Aufkleber, der ihr den Namen einbrachte, verzierte Gitarre; der in seinen Ausmaßen und Klangfarben streng limitierte Koffer-Verstärker; Arnolds nagelneues Keyboard, was so schlecht nun einmal gar nicht war, für das Geld welches man damals zur Verfügung hatte und nebenbei für den Drumsound der frühen Aufnahmen Pate stand; Markus alte Doppelmanual-Orgel, die ihn nun schon seit bestimmt 10 Jahren mit ihren unverwüstlichen Kloppern wie „Yankee Doodle“ oder „Swanee River“ begleitete und vorerst den Bass ersetzen musste; ein von unserem damaligen Erdkunde-Lehrer Sammy Drechsel versehentlich entliehenes für Videozwecke konzipiertes Richtmikrofon, welches Carstens Stimme auch ohne zwischengeschalteten Verzerrer die Klangfarbe der damals durchaus verehrten Dortmunder Elektro-Underground-Band „The Invincible Spirit“ (siehe den Szene-Hit „Push“) verlieh (und nebenbei bemerkt noch heute im Proberaum von Porter herum geistert); diverse Utensilien, die noch aus gar nicht so lange vergangenen Black Noise-Tagen übrig geblieben waren und noch immer für – wie wir es uns damals gerne einredeten – atmosphärische Dichte in den Songs sorgen konnte, wie z. B. eine metallene Spirale, Schranktüren, Wassergläser, und auf was man sonst noch so rumhauen konnte; und natürlich mein für die Aufnahmen nicht wegzudenkender AIWA-Kassettenrecorder mit eingebautem Mikrofon, den ich zum – ich glaube – 10. Geburtstag bekommen hatte.

Des Weiteren befanden sich hier die in den Tumult artigen Zeiten der Selbstfindung für ordentliches Song- und Texteschreiben durchaus wichtigen Utensilien wie ein Fernseher; ein damals zwar schon leicht betagter aber noch gerne und mit viel Enthusiasmus benutzter C-64; immer ein bewußtseinserweiternder frischer Kasten Weizenbier; die obligatorische Flasche billigsten Bourbon-Whiskeys (in diesen Tagen entstand übrigens der über lange Jahre hinweg gepflegte Brauch des Flaschenbeschreibens mittels Permanentmarker mit der Wahrheit, und nichts als der Wahrheit); eine Dose Zitronentee aus dem ALDI; viele lose Zettel und einen Haufen Stifte; ein unfassbares Heer an Musikkassetten, ersten CDs und Schallplatten; vorbildkreierende Zeitschriften wie Metal Hammer und Zillo; ein paar Exemplare der neuesten Verschwörungstheorien über Heavy Metal, das Bermuda Dreieck, Außerirdische oder Quantenphysik in Buchform; frisch entliehen aus der gut sortierten Stadtbücherei in Witten; wandfüllende Poster von Bad Religion und Risk; ein oft bemühter Globus; ein Videorekorder nebst unendlich vielen VHS-Kassetten mit Live-Mitschnitten von Led Zeppelin („The Song Remains The Dame“), Joy Division, New Order, Motörhead, AC/DC, The Cure („In Orange“), Fields Of The Nephilim, Metallica und und und, welche wir uns nach der Probe bis tief in die Nacht immer wieder anschauten und darüber sowohl bewundernd philosophierten, als auch erbittert stritten, ob es nun wichtiger sei, sein Instrument in unendlicher Perfektion zu beherrschen (heute beinahe unverständlicherweise aber meiner Liebe zu Led Zep geschuldet meine Position), lieber unter Zuhilfenahme von einer ganzen Batterie von Effekten eine Stimmung herüber zu bringen (Holger, der damals alles vom Factory-Lable anschleppte) oder aber das ganze zu kombinieren und zu einer Art dilletantischem Perfektionismus zu machen (Arnold, der das damals nicht genau so gesagt, aber bestimmt gedacht hat – Arnold redete nicht viel, aber wir wussten mit absoluter Bestimmtheit, dass er eine Menge dachte).

Metal, Punk und Wave knallten in diesem Zimmer sowohl soundtechnisch als auch inhaltlich immer wieder aufeinander und prägten fortan unseren gesamten musikalischen Werdegang mit Vanishing Line, den folgenden Friday Is Scrapped, den das ganze perfektionierenden aber leicht metallischeren Luzifer Sam und sogar den noch heute existenten Porter.

Für mich persönlich kristallisierten sich in dieser von Suche geprägten Zeit die beiden Pole heraus, welche mein komplettes Schaffen – nicht nur musikalisch – von nun an begleiten und bestimmen sollten. Die unmittelbare Aggression von Punk, Hardcore und Metal, prallte auf die egozentrisch wärmende und immens in sich gekehrte Melancholie des Wave. Ein auf den ersten Blick und für Unbedarfte zerstörerisch wirken müssendes Element, welches einen aufstehen lässt, welches eine veranlasst aktiv zu werden, Unrecht wahrzunehmen und anzuprangern, die Faust zu recken, nicht nur zu reden, sondern zu handeln, dieses Element traf auf die leitende, durch seine Introvertiertheit und das völlige auf sich Bezogensein den Verstand und das Denken ins Zentrum rückende Neugier der Melancholie. Oder noch anders ausgedrückt: Rohe, pure, animalische Energie paart sich mit der Ratio eines forschenden, immerfort suchenden und nach Antworten ringenden Geist. Wann immer sich die eine Seite anschickt die Überhand zu gewinnen, greift die andere regulierend ein. Ich möchte nicht den scheinbar so nahe liegenden Jeckyll and Hyde-Vergleich bemühen, jedoch ist er auch kein über allzu viele Ecken entfernter Verwandter. Und dabei fällt es keinesfalls immer der Melancholie zu, die Rolle des beruhigenden Pols einzunehmen. Ohne die aufrührerische, anarchische Mentalität der Aggression würde die Melancholie alleine in eine Art sich selbst blockierender Starre verfallen, die keinen kreativen Gedanken jemals ausleben würde. Andersherum lenkt sie die Aggression in Kanäle, die diese alleine niemals würde befahren können. Es ist wie der perfekte Einklang aus Körper und Geist.

Ich denke, es ist absolut kein Zufall, dass so viele junge Menschen, gerade auch aus dem musikalischen oder sozialen Umfeld von harter oder extrovertierter Musik sich in ihrer Findungsphase durchaus auch zu Literatur hingezogen fühlen, die diese beiden Bereiche vereinen. Hermann Hesses „Demian“ von 1919 ist so ein Beispiel. Stets geht es um das klassische Motiv, dass man eine Welt – wenigstens symbolisch, mental – zerstören muss, um eine neue zu erschaffen und aufzubauen. Altes muss hinterfragt werden, damit Neues Platz hat. Das muss nicht zwangsläufig mit der kompletten Verneinung des Alten einhergehen, aber es erfordert eine extreme Katharsis der ganz persönlichen Art.

So ist es wohl im Nachhinein auch kein Zufall, dass wir in unserem ersten Bandjahr als Vanishing Line Herman Hesses „Demian“ mit ein paar Freunden, wie Sven Faulhaber und Henning Jaeger, für unseren Deutsch-Kurs verfilmten. Überhaupt gingen die musikalischen Arbeiten nicht ansatzweise so gut voran, wie die Erstellung von den dazu gehörigen Musikvideos, die wie damals bei so vielen von der Schwarzweiß-Ästhetik der „Behind The Wheel“-Ära von Depeche Mode beeinflusst waren. Wohl auch, muss man sich heute wohl eingestehen, weil sich so mit relativ belanglosen Bildern, simpler Technik (ein Video 8-Camcorder und ein Videorecorder als Schnittplatz) und einer spannenden Schnittfolge gute Erfolge erzielen ließen. Der Sommer 1988 hatte viel schöne Tage zu bieten und anstelle des Werkelns an neuen Songs, machten wir lieber die umliegende Wälder und Felder zu einem riesigen Video-Dreh-Set für unsere zukünftigen Hits.

Der erste richtige Song den wir schrieben und immer wieder auf Kassette bannten war „Competent Establishment“. Arnold und ich hackten auf unseren Tasteninstrumenten ein elektronisches Fundament mit einprogrammiertem schnellen Synthischlagzeug herunter, während Holgers Gitarre das Ganze mit einem sehr rauen Punkappeal versah. Carsten schrie und gröhlte meinen ersten, wahrhaft schlechten Text über die krachige Melange und fertig war der erste Vanishing Line-Klassiker. Wenn der Song etwas hatte, dann war es wohl Energie. Ansonsten muss man eingestehen, dass auch er musikalisch noch eindeutig in die Findungsphase fällt. Spannend und durchaus wichtig zu erwähnen ist hierbei jedoch, dass die aus der Not geborene Instrumentierung einen unmittelbaren Einfluss auf die Art des Songs hatte. Ohne etwas vorweg nehmen zu wollen; ein Jahr später mit Bass und Schlagzeug anstelle von Keyboard und Orgel und mit Holgers Gesang anstelle von Carstens wäre der Song wohl komplett anders geworden. Wenn ich mich recht entsinne hat sogar Sven – der ein Jahr zuvor bereits beim Projekt Black Noise, der experimentellen und pre-instrumentalen Vorstufe von Vanishing Line dabei war – einmal in Carstens Abwesenheit den Song gesungen. Dies nur der Vollständigkeit halber.  

In dieser Manier und Besetzung entstanden etwa 6 Songs. Ich textete damals was mir in den Sinn kam, oft sehr persönlich, manchmal auch in Anlehnung an meine Metal-Sozialisierung sehr fantastisch und merkte schnell, dass ich mit meinem Schul-Englisch keinen Literatenpreis würde erringen können. Demgegenüber standen Holgers Texte, die sich in ihrer Art bis heute thematisch kaum geändert haben und von einem sehr emotionalen Blick auf die Innenwelt geprägt waren und noch immer sind, wenngleich sich Anspruch und Qualität mit jedem Jahr immens gesteigert hat. Dadurch dass wir beide den Drang zu schreiben in uns spürten, kristallisierte sich bereits jetzt ein kreativer Konflikt heraus, der sich später sowohl bei Friday Is Scrapped, als auch bei Luzifer Sam zeigen sollte. Jedem war natürlich daran gelegen, dass seine Texte, ohne Zweifel für jeden persönlich von immenser Bedeutung und als künstlerische Bestätigung von enormer Wichtigkeit, in einem Song eingesetzt werden. Solange Carsten das Mikro führte konnte man dieses Riff noch umschiffen. Als sich jedoch nach relativ kurzer Zeit – in meiner Erinnerung sind es ein paar Monate – heraus kristallisierte, dass Carsten zwar ein unheimlich netter Kerl und ein sauguter Freund von uns, jedoch beileibe nicht zum Sänger geboren war, übernahm Holger den Gesang und schrieb – wer will es ihm verdenken – die Texte nun vornehmlich alleine für sich selber, was wiederum zur Folge hatte, dass ich – der ja schließelich stetig weiter schrieb – bei der Gründung von Friday Is Scrapped im Herbst 1990, einen ganzen Stapel von Texten vorzuweisen hatte und das Dilemma angesichts zweier Sängerinnen, Melanie Bendlin und Britta Schulte, die eher weniger selber schrieben, wieder von vorne begann. Doch zu diesem Zeitpunkt war zumindest eines geklärt: Holger übernahm zusätzlich zu seiner Gitarrenarbeit den Gesang – was ihn zu Beginn noch vor eine ganz schöne Herausforderung stellte – und entwickelte so seine später so typische Art zu singen, eine düstere und dunkle Art des Pathos, die ihm etwa 8 Jahre später in einer Zeitungskritik den Beinahmen „der Pavarotti des Heavy Metal“ einbringen sollte. Aber so weit sind wir noch lange nicht.

Weiter demnächst im 2. Teil: 1988 - 1989        
Heute möchte ich Euch ans Herz legen, einem Song zu lauschen: "Requiem (denied)" - Song 1 von der PORTER-CD "Damocles"

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Die komplette CD (und viel mehr) gibt`s als Gratis-Download unter

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Doppelt einsam oder einfach geborgen – eine schlichte Frage des Standpunktes:
Oder: Wie ein Leben seine Schatten wirft ohne es zu wollen.



Jeder Mensch steht im Laufe seines – möge es ihm von Herzen beschieden sein – langen Lebens augenscheinlich mindestens zweimal unumstößlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der ihn umgebenden Gesellschaft. Das ist wenn er geboren wird – und wenn er stirbt. Es mag menschliche Schicksale geben, denen würde man voller Traurigkeit nachsagen, daß sie schon bei der Geburt einsam gewesen sein müssen, sowie sie vielleicht auch gestorben sind. Und nicht immer ist uns klar, was es bedeutet, einsam zu sein oder sich zumindest so zu fühlen. Aber immer ist dieses Empfinden subjektiv, bewertend, die Außensicht einer vermutet fremden Existenz.

Tatsache ist, kein Mensch kann einsam geboren werden. Niemand kommt alleine auf diese Welt. Mindestens ein Mensch steht ihm in dieser Stunde zur Seite, wenngleich es natürlich leider vielerlei Gründe gibt, warum diese Bindung eventuell nur ungebührlich kurz anhält. Wie sich das turbulente Leben des Einzelnen bis zu seinem Ende in Sachen Einsamkeit oder Gesellschaft geriert hängt von so unendlich vielen Faktoren ab, wie Menschen nur unterschiedlich sein können – und noch weit darüber hinaus.

Die landläufige Meinung, wie es diesbezüglich mit dem unausweichlichen Ende aussieht, ist nicht minder konträr und mannigfaltig diskutabel. Doch ich wage die These, daß – ebenso, wie niemand alleine auf diese Welt kommt – kein einziger Mensch wirklich einsam wieder von ihr geht. Ich beziehe mich hier weder auf die physischen oder krankheitsbedingten Umstände, noch auf das bestimmt singuläre Gefühl des Sterbenden in seinen letzten Momenten. Letzteres kann durchaus derart gelagert sein, dass er oder sie sich absolut alleine fühlt. Aber auch das – so behaupte ich – ist eine Frage der Einstellung zum eigenen Leben, was ich im folgenden gerne näher erläutern möchte.

Um eines schnell abzuhandeln: sicher gibt es hier auch die Gruppe derer, die sich einem Gott, welcher Couleur auch immer, nahe wähnend, ohne Angst in ihre letzten Atemzüge begeben. Die Menschen, die ohnehin fähig sind, sich der Gefahr einer wie auch immer gelagerten Einsamkeit gar nicht erst preis zu geben, weil sie schließlich ihren vermeindlichen Schöpfer auf ihrer Seite glauben. Vielleicht haben diese Menschen es beim Sterben sogar am Einfachsten von allen, da sie einen Teil ihrer Eigenverantwortung Zeit ihres Lebens zu einem guten Teil an eine für sie bestärkend wirkende Vorstellung abgegeben haben, weil sie sich geleitet fühlen und somit sowohl die Entschuldigung für eigenes Fehlen, als auch Trost für fehlendes Sein direkt in sich tragen. Nicht zuletzt, weil sie daran glauben, das gelebte Leben wäre zu etwas nütze gewesen. Quasi die Qualifikation, das Sprungbrett für das nächste jenseitige Leben, welches mit den verdienten Belohnungen der so sauer erworbenen Fleißkärtchen aufwartet.

Auch das natürlich Theorie. Aber: Eine recht bequeme Vorstellung – die automatische Existenz eines Lebens nach dem Tode direkt inbegriffen – was einem definitiv einen Großteil der definitiv natürlich latent vorhandenen, bzw. dann real aufkommenden Angst nimmt. Einer Angst die unter anderem daraus resultiert, die eigene Existenz als vergänglich und somit in einer endgültigen Art als belanglos akzeptieren zu müssen. Das will eigentlich niemand. Auch das ist verständlich.

Areligiöse Menschen, wie gelagert ihr Unglaube oder die Unfähigkeit an eine Art Digestif des Lebens zu glauben auch immer sein mag, haben da grundsätzlich ein größeres Problem zu bewältigen. Man stirbt und dann ist man tot. Punkt, Ende, aus. Und eigentlich, wenn man es mal ganz genau nimmt, nur in diesen Fällen stellt sich eigentlich die Frage, bin ich alleine, fühle ich mich alleine, will ich vielleicht sogar alleine sein, wenn ich sterbe? Letztere Frage klammert sich für religiöse Menschen im Allgemeinen übrigens auch von vorneherein aus. Selbst wenn ich hier allein sein wollte, könnte ich es beispielsweise als Christ nicht. Es sei den natürlich, ich beginge Selbstmord, doch sogar in diesem Fall erwarten mich ungewollte Schwierigkeiten. Da kämen dann ganz andere, die mir zur Seite stünden. Bleiben wir also der Einfachheit halber beim natürlichen Tod.

Die Angst vor dem einsamen Sterben wohnt uns wahrscheinlich zum größten Teil allen inne. Das scheint menschlich zu sein. Und auch begründet. Denn wievielen Menschen ist es schon vergönnt (so sie es denn wollen) im Kreise von geliebten oder zumindest gewohnten Menschen den letzten Atemzug zu tun. Früher war diese zumindest definitiv häufiger der Fall, als heutzutage. Gesellschaftliche Veränderungen seien hier einmal schlicht akzeptiert, denn angeprangert. Doch nehmen wir hier nun einmal den vermeintlichen Idealfall, des Versterbens in einer Runde vertrauter Menschen an, so wird uns auch diese Tatsache mitunter nicht das Gefühl nehmen, am Ende doch ganz alleine zu sein. Die Gewissheit des Endes an sich ist es, die uns derartig abschweifen lässt von der eigentlichen Tatsache. Und die lautet meines Erachtens nach, absolut keine Allgemeingültigkeit beanspruchend, wie folgt:

Wer immer ein erwachsenes, soll heißen längeres, Leben gelebt hat, sei es aus seiner Sicht gut oder schlecht gewesen, hat auf seinem Weg immer mit Menschen zu tun gehabt. Und diese Menschen waren einem gewogen, gleichgültig gegenüber gestimmt oder auch feindlich gesonnen. Es hat darunter aber immer, bei jedem oder jeder den Einen oder die Eine gegeben, ob man ihn oder sie erkannt hat oder auch nicht, der oder die einem ins Herz gesehen hat, der oder die einen geliebt hat, der oder die einem Mitgefühl entgegengebracht hat, der oder die einen aus einer misslichen Lage befreit oder schlicht geholfen hat. Und hat man genau das einmal erkannt, gespürt, erlebt, genossen, ist es unmöglich, dieses Gefühl – besser noch – diese wahrhaft geschichtliche Tatsache jemals wieder zu verdrängen oder ungeschehen zu machen. Selbst wenn krankheitsbedingte Besonderheiten dazu führen, dass wir uns dessen unglücksseligerweise nicht mehr zu erinnern vermögen, sollte es uns ein Trost sein. Und das bereits zu den Zeiten, da wir es wahrnehmen, genießen und uns dessen gewiss sind. Wir werden niemals einsam sterben können, weil es irgendwo auf dieser Welt einen Menschen gab oder gibt, der sich an uns erinnert hat oder erinnern wird.

Genauso verhält es sich umgekehrt. Es ist unmöglich im Definitionssinn belanglos oder gar sinnlos zu sterben, solange man sich an einen Menschen erinnert, sich ihm nahe fühlt. Und sei es auch nur ein Gedanke, ein Gefühl, ein Moment. Wir sind das Gedächtnis der Welt. Menschen existieren, weil wir sie wahrnehmen, weil wir an sie denken. In meiner ganz persönlichen Anschauung funktioniert dies übrigens auch mit Tieren. Ich weiß, dass ich auch damit wieder Zustimmungen verliere, aber das macht es ja nicht unwahrer. Gewöhnen wir uns doch einfach daran. Sterben ist für viele eine einsame Sache, für andere aber eben nicht. Sterben ist in jedem Fall eine sehr persönliche Sache. Für mein Dafürhalten exakt die letzte und vor allen privateste Sache überhaupt. Wenn es perfekt wäre, sollte jeder den Moment seines Sterben selbst gestalten, für sich erlebbar machen und vor allem bestimmen können. An dieser Stelle sei – nur nebenbei erwähnt – ein klares Ja zur selbstbestimmten Sterbehilfe und seinen Geschwistern von meiner Seite abgegeben.

Der Ursprung warum ich mir nun all diese Gedanken mache, so sie denn nicht schon lange in mir gären oder das ohnehin in jedem tun, und nur darauf warten, an die Oberfläche vorgelassen zu werden, sich den Weg an die Oberfläche des Bewusstseins verschaffen, liegt definitiv in meiner Natur begründet, ist aber speziell ausgelöst worden vom kürzlichen Tod meines geliebten Vaters. Er verstarb zwar nach langer Krankheit, doch über alle Maßen unerwartet und so gesehen für alle Betroffenen, so auch mich plötzlich. Hätte man es gewusst, wäre die Nacht gänzlich anders verlaufen, als so. Hätte man, hätte ich es gewusst, wäre ich da gewesen. Natürlich. Wusste ich aber nicht. Also: War ich es auch nicht. Da. So blieb mir nur der knappe posthume Abschied – immerhin der blieb mir und ich habe ihn auch gebraucht.

Man kann nun also sagen, dass er in der Nacht in dem er – so schließe ich aus dem Geschehenen – das Ende seiner Kraft erreicht hatte, aber letztlich sogar selbst bestimmt beschloss zu gehen, alleine war – physisch. Die Details lasse ich aus und vertiefe meine Gedanken, die mit Sicherheit auch ihren Teil dazu beitragen, es für die Hinterbliebenen, mich eingeschlossen, erträglicher zu machen. Doch – und nun komme ich zum Kern meiner Überlegungen – wie kann ein Mensch, der sich der Erinnerung unzähliger – und es wäre egal, sei es auch nur ein einziger – gewiss sein konnte; der sich Zeit seines Lebens als fürsorgender, liebender und vorausschauender – und es wäre sogar egal, wäre es anders gewesen – Vater und Ehemann erwiesen hat; der das Prinzip Leben und Leben lassen – und es wäre sogar egal, wäre er restriktiver gewesen – aktiv gelebt hat; der mich gelehrt hat, dass man jeden respektieren muss und niemanden gegen seine Willen beugen darf; wie kann so jemand jemals – und sei es am Ende seines Lebens, sei es gerade in der Stunde seines Todes – alleine sein? Ich könnte beinahe noch weiter gehen und sagen, wie kann so jemand nicht weiterleben in denjenigen, die ihn kannten, ehrten, schätzten, liebten? Warum sollte er Angst vor dem nahenden Tod empfinden? Und doch bin ich sicher dass er sie empfand. Und hätte ich alles geahnt, hätte ich neben ihm gesessen und alles gegeben um sie ihm zu nehmen. Denn er hätte sie nicht nötig gehabt. Er hätte stolz sein können, denn er war definitiv nicht allein. Ich war bei ihm – und das schon zu Lebzeiten. Ewigkeiten. Wahrheiten.

Ich kann hiermit bezeugen, mein Vater war – was mich ganz persönlich anging – ob er wollte oder nicht (wobei ich weiß, dass er es nicht wollte und auch doch) nicht alleine in der Stunde seines Todes. Was nun so klingt wie das Nichterfüllens eines Lebenswillens, ist das genaue Gegenteil. Mein Vater war – für mich zum Glück – kein gottesfürchtiger Mann. Und ich – unter anderem ich, und viele andere – ich war bei ihm.

Kein Mensch geht einsam von dieser Welt. Behaltet das im Hinterkopf wenn Ihr mögt. Zumindest bevor Ihr daran verzagt, einsam zu sterben. Und wenn Euch noch Zweifel kommen, sucht denjenigen, der Euch etwas bedeutet und zeigt es ihm oder ihr.

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NACHTRAG:
Heute, im August 2014, 3 1/2 Jahre nach dem Tod meines Vaters habe ich glaube ich den Song gefunden, der diesen Blogpost einfach noch abrunden musste. Es ist "Abschied" vom 2014er Album "... und wir vergessen was vor uns liegt" von MARATHONMANN:


Marathonmann – Abschied