Mein Vater

Doppelt einsam oder einfach geborgen – eine schlichte Frage des Standpunktes:
Oder: Wie ein Leben seine Schatten wirft ohne es zu wollen.



Jeder Mensch steht im Laufe seines – möge es ihm von Herzen beschieden sein – langen Lebens augenscheinlich mindestens zweimal unumstößlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der ihn umgebenden Gesellschaft. Das ist wenn er geboren wird – und wenn er stirbt. Es mag menschliche Schicksale geben, denen würde man voller Traurigkeit nachsagen, daß sie schon bei der Geburt einsam gewesen sein müssen, sowie sie vielleicht auch gestorben sind. Und nicht immer ist uns klar, was es bedeutet, einsam zu sein oder sich zumindest so zu fühlen. Aber immer ist dieses Empfinden subjektiv, bewertend, die Außensicht einer vermutet fremden Existenz.

Tatsache ist, kein Mensch kann einsam geboren werden. Niemand kommt alleine auf diese Welt. Mindestens ein Mensch steht ihm in dieser Stunde zur Seite, wenngleich es natürlich leider vielerlei Gründe gibt, warum diese Bindung eventuell nur ungebührlich kurz anhält. Wie sich das turbulente Leben des Einzelnen bis zu seinem Ende in Sachen Einsamkeit oder Gesellschaft geriert hängt von so unendlich vielen Faktoren ab, wie Menschen nur unterschiedlich sein können – und noch weit darüber hinaus.

Die landläufige Meinung, wie es diesbezüglich mit dem unausweichlichen Ende aussieht, ist nicht minder konträr und mannigfaltig diskutabel. Doch ich wage die These, daß – ebenso, wie niemand alleine auf diese Welt kommt – kein einziger Mensch wirklich einsam wieder von ihr geht. Ich beziehe mich hier weder auf die physischen oder krankheitsbedingten Umstände, noch auf das bestimmt singuläre Gefühl des Sterbenden in seinen letzten Momenten. Letzteres kann durchaus derart gelagert sein, dass er oder sie sich absolut alleine fühlt. Aber auch das – so behaupte ich – ist eine Frage der Einstellung zum eigenen Leben, was ich im folgenden gerne näher erläutern möchte.

Um eines schnell abzuhandeln: sicher gibt es hier auch die Gruppe derer, die sich einem Gott, welcher Couleur auch immer, nahe wähnend, ohne Angst in ihre letzten Atemzüge begeben. Die Menschen, die ohnehin fähig sind, sich der Gefahr einer wie auch immer gelagerten Einsamkeit gar nicht erst preis zu geben, weil sie schließlich ihren vermeindlichen Schöpfer auf ihrer Seite glauben. Vielleicht haben diese Menschen es beim Sterben sogar am Einfachsten von allen, da sie einen Teil ihrer Eigenverantwortung Zeit ihres Lebens zu einem guten Teil an eine für sie bestärkend wirkende Vorstellung abgegeben haben, weil sie sich geleitet fühlen und somit sowohl die Entschuldigung für eigenes Fehlen, als auch Trost für fehlendes Sein direkt in sich tragen. Nicht zuletzt, weil sie daran glauben, das gelebte Leben wäre zu etwas nütze gewesen. Quasi die Qualifikation, das Sprungbrett für das nächste jenseitige Leben, welches mit den verdienten Belohnungen der so sauer erworbenen Fleißkärtchen aufwartet.

Auch das natürlich Theorie. Aber: Eine recht bequeme Vorstellung – die automatische Existenz eines Lebens nach dem Tode direkt inbegriffen – was einem definitiv einen Großteil der definitiv natürlich latent vorhandenen, bzw. dann real aufkommenden Angst nimmt. Einer Angst die unter anderem daraus resultiert, die eigene Existenz als vergänglich und somit in einer endgültigen Art als belanglos akzeptieren zu müssen. Das will eigentlich niemand. Auch das ist verständlich.

Areligiöse Menschen, wie gelagert ihr Unglaube oder die Unfähigkeit an eine Art Digestif des Lebens zu glauben auch immer sein mag, haben da grundsätzlich ein größeres Problem zu bewältigen. Man stirbt und dann ist man tot. Punkt, Ende, aus. Und eigentlich, wenn man es mal ganz genau nimmt, nur in diesen Fällen stellt sich eigentlich die Frage, bin ich alleine, fühle ich mich alleine, will ich vielleicht sogar alleine sein, wenn ich sterbe? Letztere Frage klammert sich für religiöse Menschen im Allgemeinen übrigens auch von vorneherein aus. Selbst wenn ich hier allein sein wollte, könnte ich es beispielsweise als Christ nicht. Es sei den natürlich, ich beginge Selbstmord, doch sogar in diesem Fall erwarten mich ungewollte Schwierigkeiten. Da kämen dann ganz andere, die mir zur Seite stünden. Bleiben wir also der Einfachheit halber beim natürlichen Tod.

Die Angst vor dem einsamen Sterben wohnt uns wahrscheinlich zum größten Teil allen inne. Das scheint menschlich zu sein. Und auch begründet. Denn wievielen Menschen ist es schon vergönnt (so sie es denn wollen) im Kreise von geliebten oder zumindest gewohnten Menschen den letzten Atemzug zu tun. Früher war diese zumindest definitiv häufiger der Fall, als heutzutage. Gesellschaftliche Veränderungen seien hier einmal schlicht akzeptiert, denn angeprangert. Doch nehmen wir hier nun einmal den vermeintlichen Idealfall, des Versterbens in einer Runde vertrauter Menschen an, so wird uns auch diese Tatsache mitunter nicht das Gefühl nehmen, am Ende doch ganz alleine zu sein. Die Gewissheit des Endes an sich ist es, die uns derartig abschweifen lässt von der eigentlichen Tatsache. Und die lautet meines Erachtens nach, absolut keine Allgemeingültigkeit beanspruchend, wie folgt:

Wer immer ein erwachsenes, soll heißen längeres, Leben gelebt hat, sei es aus seiner Sicht gut oder schlecht gewesen, hat auf seinem Weg immer mit Menschen zu tun gehabt. Und diese Menschen waren einem gewogen, gleichgültig gegenüber gestimmt oder auch feindlich gesonnen. Es hat darunter aber immer, bei jedem oder jeder den Einen oder die Eine gegeben, ob man ihn oder sie erkannt hat oder auch nicht, der oder die einem ins Herz gesehen hat, der oder die einen geliebt hat, der oder die einem Mitgefühl entgegengebracht hat, der oder die einen aus einer misslichen Lage befreit oder schlicht geholfen hat. Und hat man genau das einmal erkannt, gespürt, erlebt, genossen, ist es unmöglich, dieses Gefühl – besser noch – diese wahrhaft geschichtliche Tatsache jemals wieder zu verdrängen oder ungeschehen zu machen. Selbst wenn krankheitsbedingte Besonderheiten dazu führen, dass wir uns dessen unglücksseligerweise nicht mehr zu erinnern vermögen, sollte es uns ein Trost sein. Und das bereits zu den Zeiten, da wir es wahrnehmen, genießen und uns dessen gewiss sind. Wir werden niemals einsam sterben können, weil es irgendwo auf dieser Welt einen Menschen gab oder gibt, der sich an uns erinnert hat oder erinnern wird.

Genauso verhält es sich umgekehrt. Es ist unmöglich im Definitionssinn belanglos oder gar sinnlos zu sterben, solange man sich an einen Menschen erinnert, sich ihm nahe fühlt. Und sei es auch nur ein Gedanke, ein Gefühl, ein Moment. Wir sind das Gedächtnis der Welt. Menschen existieren, weil wir sie wahrnehmen, weil wir an sie denken. In meiner ganz persönlichen Anschauung funktioniert dies übrigens auch mit Tieren. Ich weiß, dass ich auch damit wieder Zustimmungen verliere, aber das macht es ja nicht unwahrer. Gewöhnen wir uns doch einfach daran. Sterben ist für viele eine einsame Sache, für andere aber eben nicht. Sterben ist in jedem Fall eine sehr persönliche Sache. Für mein Dafürhalten exakt die letzte und vor allen privateste Sache überhaupt. Wenn es perfekt wäre, sollte jeder den Moment seines Sterben selbst gestalten, für sich erlebbar machen und vor allem bestimmen können. An dieser Stelle sei – nur nebenbei erwähnt – ein klares Ja zur selbstbestimmten Sterbehilfe und seinen Geschwistern von meiner Seite abgegeben.

Der Ursprung warum ich mir nun all diese Gedanken mache, so sie denn nicht schon lange in mir gären oder das ohnehin in jedem tun, und nur darauf warten, an die Oberfläche vorgelassen zu werden, sich den Weg an die Oberfläche des Bewusstseins verschaffen, liegt definitiv in meiner Natur begründet, ist aber speziell ausgelöst worden vom kürzlichen Tod meines geliebten Vaters. Er verstarb zwar nach langer Krankheit, doch über alle Maßen unerwartet und so gesehen für alle Betroffenen, so auch mich plötzlich. Hätte man es gewusst, wäre die Nacht gänzlich anders verlaufen, als so. Hätte man, hätte ich es gewusst, wäre ich da gewesen. Natürlich. Wusste ich aber nicht. Also: War ich es auch nicht. Da. So blieb mir nur der knappe posthume Abschied – immerhin der blieb mir und ich habe ihn auch gebraucht.

Man kann nun also sagen, dass er in der Nacht in dem er – so schließe ich aus dem Geschehenen – das Ende seiner Kraft erreicht hatte, aber letztlich sogar selbst bestimmt beschloss zu gehen, alleine war – physisch. Die Details lasse ich aus und vertiefe meine Gedanken, die mit Sicherheit auch ihren Teil dazu beitragen, es für die Hinterbliebenen, mich eingeschlossen, erträglicher zu machen. Doch – und nun komme ich zum Kern meiner Überlegungen – wie kann ein Mensch, der sich der Erinnerung unzähliger – und es wäre egal, sei es auch nur ein einziger – gewiss sein konnte; der sich Zeit seines Lebens als fürsorgender, liebender und vorausschauender – und es wäre sogar egal, wäre es anders gewesen – Vater und Ehemann erwiesen hat; der das Prinzip Leben und Leben lassen – und es wäre sogar egal, wäre er restriktiver gewesen – aktiv gelebt hat; der mich gelehrt hat, dass man jeden respektieren muss und niemanden gegen seine Willen beugen darf; wie kann so jemand jemals – und sei es am Ende seines Lebens, sei es gerade in der Stunde seines Todes – alleine sein? Ich könnte beinahe noch weiter gehen und sagen, wie kann so jemand nicht weiterleben in denjenigen, die ihn kannten, ehrten, schätzten, liebten? Warum sollte er Angst vor dem nahenden Tod empfinden? Und doch bin ich sicher dass er sie empfand. Und hätte ich alles geahnt, hätte ich neben ihm gesessen und alles gegeben um sie ihm zu nehmen. Denn er hätte sie nicht nötig gehabt. Er hätte stolz sein können, denn er war definitiv nicht allein. Ich war bei ihm – und das schon zu Lebzeiten. Ewigkeiten. Wahrheiten.

Ich kann hiermit bezeugen, mein Vater war – was mich ganz persönlich anging – ob er wollte oder nicht (wobei ich weiß, dass er es nicht wollte und auch doch) nicht alleine in der Stunde seines Todes. Was nun so klingt wie das Nichterfüllens eines Lebenswillens, ist das genaue Gegenteil. Mein Vater war – für mich zum Glück – kein gottesfürchtiger Mann. Und ich – unter anderem ich, und viele andere – ich war bei ihm.

Kein Mensch geht einsam von dieser Welt. Behaltet das im Hinterkopf wenn Ihr mögt. Zumindest bevor Ihr daran verzagt, einsam zu sterben. Und wenn Euch noch Zweifel kommen, sucht denjenigen, der Euch etwas bedeutet und zeigt es ihm oder ihr.

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NACHTRAG:
Heute, im August 2014, 3 1/2 Jahre nach dem Tod meines Vaters habe ich glaube ich den Song gefunden, der diesen Blogpost einfach noch abrunden musste. Es ist "Abschied" vom 2014er Album "... und wir vergessen was vor uns liegt" von MARATHONMANN:


Marathonmann – Abschied