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Edit:
Leser, die sich für den soeben erblickten Blogpost begeistert haben, würden sich gewiss auch für den hier begeistern.
Nun pflege ich des morgens als allererstes einen nachrichtenlastigen Radiosender einzuschalten, um mich jenseits von Twitter mit einem gewissen Grundwissen all dessen zu versorgen, was sich auf der Welt aktuell zuträgt, und - genau das ist vielleicht der wenig zugegebene aber doch relevante Aspekt - was davon mich in meiner heilen, gepflegten, hermetisch luxuriösen Welt in irgendeiner Weise betreffen könnte.Es gibt scheinbar dieses Weitweg - aber eben auch das Ganzweitweg.
Letzteres bedeutet glaube ich, so man es sich denn überhaupt wünscht, in der Übersetzung eine Art Freiheit. Diese ist jedoch in der Vorstellung zumeist gekoppelt mit Ruhe, Unversehrtheit, heiler Welt. Sind diese Punkte in der Realität nicht allesamt erfüllt, ist es wohl nur das einfache Weitweg.
Ich sitze gerade inmitten eines idyllischen Fleckchens Erde, alles was als Weg noch weiter, noch höher hinauf und hinaus führt, ist nur noch per Wanderschuh zu erreichen. Der nächste Bäcker ist derart weit entfernt, dass dieser des morgens einen kleinen Wagen auf schmalen Pfaden hinauf schickt, um seine Brötchen an den Mann zu bringen. Die Grillen streiten sich um das phonetische Vorrecht mit Kühen und Wildgeflügel auf den weiten Anhöhen. Es könnte nicht wesentlich friedlicher sein. Und doch, man muss gar nicht hinsehen, hört man unterschwellig permanent, was hier die Idylle stört.
Es sind die durchaus vereinzelt stehenden und hoch über den Wäldern thronenden Windräder, die bei ausreichend Wind, und den gibt es hier fast immer, gewiss ein Grund, warum sie ausgerechnet hier stehen, ihre unsichtbaren aber hörbaren Wunden in die Umgebung schlagen. Jene Energiequelle, die ich vehement befürworte, der ich bislang uneingeschränkt meine Stimme gab, deren unkenrufenden Gegnern ich bislang einen Spleen unterstellte, wenn sie einmal mehr von den verwirrten Vögeln sprachen, die mit den technischen Störenfrieden nicht mehr zurecht kamen.
Mag sein, dass es an dieser ansonsten absoluten Ruhe, der Perfektion einer Idylle liegt, dass es mir überhaupt auffällt. Mag sein, dass es die Geologie dieses Ortes ist, der die Geräusche, die man nicht einmal wirklich als Lärm bezeichnen kann, überhaut erst so dominant in mein Bewusstsein spült. Mag sein, dass ich gerade derart abschalte, so dass mir jeder noch so geringe Misston auffällt. Man kann auf jeden Fall nicht verneinen, dass diese rauschenden Riesen einen Effekt auf Mensch und Tier ausüben.
Mich macht das nun noch lange nicht zum Gegner dieser Technologie, ist sie doch um ein so unendliches Maß intelligenter als die lebensverneinenden, kernspaltenden Brückentechnologiefehler des vergangenen Jahrtausends, doch zumindest denke ich nun darüber nach.
Es ist der Kern. Das Herz. Das Wesen von jedem, von allem.
Es ist die Sehnsucht, den Dingen möglichst nahe zu kommen. Und im Grunde ist alles ohne das Wissen um den Kern nichts. Es ist verrückt danach zu suchen - und noch viel verrückter es sein zu lassen. Man kann es also (im Grunde) nicht richtig machen, aber - und das ist die gute Nachricht - auch nicht falsch.
So trennt sich der Weg derer, die es richtig machen, und derer, die es nicht falsch machen wollen. Fraglich ist, wer von beiden es aus seinem Antrieb heraus versucht und wer es genau aus dem selben Grunde lässt. Ist im Grunde, nicht im Kern, aber auch egal.
Wichtig ist vermutlich nur, was man aus der jeweiligen Wahl heraus macht - oder lässt. Denn wenn man sich dem Kern, dem Herzen, dem Wesen aller Dinge bewusst nähert, oder ihm bewusst fern bleibt, ändert man es - hat man zumindest die Chance es zu ändern.
Und nicht zuletzt das zu versuchen ist die Pflicht eines jeden, der dem Kern näher kommen möchte - oder gar muss. Auch wenn es klingt wie eine Chance, eine freiwillige Entscheidung, ist es für diejenigen die es anstreben, nicht selten eine Unabdingbarkeit. Ein Zwang der allerdings paradoxerweise eine Chance bedeutet. Und so mündet es in einen Kreislauf.
Und so suche ich den Kern. Das Herz. Das Wesen von jedem, und allem.
Der Niesgewalt ich Einhalt such, die Frühlingssonne steht im Ruch,
Der Bösewicht des Spiels zu sein, drum geh ich selbst fürs Sonnen rein.
Den Qualbefreiten schau in Ruh, ich ohne Neid von innen zu,
Wie sie sich unter Birken scharen, um sommerlichen Schein zu wahren.
Sie grillen sich zu jeder Stund, den nackten Körper rundum wund,
Bis Teile der gegrillten Stellen, sich ganz von selbst vom Leibe pellen.
Der Mücke sind sie ausgesetzt, die sie sogleich im Schwarm zerfetzt,
Die Wespen tun es ihnen gleich, und rauben noch ihr letztes Fleisch.
Vernetzt mit Mobilendgeräten, sie virtuell das Gras betreten,
Und postend voller Wortgeschick, teiln sie mir das dann auch noch mit.
Die Selfies füllen Timelines fixer, als Alkopops die ganzen Typen,
Sie preisen Sommersonnensinn, und nähren meinen Sommergrimm.
Erwägend ein Gedicht zu schreiben, verbleib ich zürnend beim Verbleiben,
Im Niesen episch ausgemaßt, und zwischen drin betont verhasst.
So tu ichs allen Grillern gleich, und wähne mich voll Sommers reich,
Ich schmeiß mich unter die Gesunden, und niese schamlos meine Wunden.
Den Birken werf ich gönnend Blicke, durch Ast und Zweig tief ins Gewicke,
Die Qualbefreiten straft mein Niesen, es ist, als würd ich Blumen giessen.
Nun ist er also gegangen. Nach monatelangem und beispiellosen Kampf hinterlässt ein ebenso sturer wie liebenswerter Sauerländer die Bühne und hinterlässt eine klaffende Lücke bei denen die ihn kannten und liebten.
Micha ist weg. Und ich bin froh, dass ich ihn kennenlernen durfte. Ihn, der die sozialen Medien so sehr verabscheute, wie er allzu viele Menschen auf einem Haufen mied. Auf den ersten Blick ein absoluter Eigenbrötler, auf den zweiten ein stetig moppernder Grantler, auf den dritten eine Seele von Mensch mit einer sehr eigenen Meinung.
Ich kannte ihn leider nur ein paar Jahre und bestimmt nicht in all seinen Facetten und die Gelegenheiten, zu denen wir uns trafen, hatten zumeist feierlichen Charakter oder eben den Umstand unseres wöchentlichen Stammtischs. Es gibt gewiss viele, die ihn wesentlich länger kennen, bereits seit es ihn aus dem Sauerland ins Ruhrgebiet verschlagen hat, aber ich denke, ich hatte einen guten Draht zu ihm.
Keiner meiner Freunde hat mehr Konzerte von mir besucht, als Micha. Abgesehen davon, dass er unser Album Wolkenstein als anonymer Spender mitfinanziert hat - wie gesagt, er hasste soziale Medien und zuviel Aufmerksamkeit seine Person betreffend - habe ich ihm mitunter die scharfsinnigsten Feedbacks unserer Konzerte zu verdanken.
Ich denke, Micha hätte sich nie als Nerd bezeichnet, doch auf die positivste Interpretation dieses Begriffs war er für mich ein Nerd. Er war nie monothematisch, doch geradezu penetrant hinsichtlich der Missionierung der Welt, wenn es um den technischen Klang von Musik geht. Ich denke, falls ich jemals einen neuen Kopfhörer kaufen sollte, werde ich mich nach Stax - ich weiß nicht einmal, wie man diese Marke schreibt, obschon ich den Namen gefühlt 2000 mal gehört habe - erkundigen. Und ich werde niemals mehr die Queens Of The Stoneage hören, ohne an Micha zu denken. Seine Verehrung für den Mitschnitt eines ihrer Konzerte ist Geschichte.
Micha war in der Tat einer der wenigen positiven Pessimisten, die ich kenne. Noch im letzten Jahr planten wir einen eigenen Blog, um unserem Missfallen über schrecklichste Mainstream-Musik a la Rihanna und Max Herre und überhaupt all diese uninspirierte Scheißmusik da draußen Ausdruck zu verleihen. Natürlich gab es auch Dissenzen - ein Wort, das niemand so natürlich gebrauchte, wie Micha - zwischen uns, bezüglich hörbarer Musik, ich sage nur Distelmeier. Aber seine Ablehnung kam von Herzen und somit akzeptierte er meine.
Micha war ein Mensch mit einem unfassbaren Dünkel auf sein Studium. Mit diesem trieb er mich soweit, dass ich 2010 mit ihm gewettet habe, dass ich binnen 10 Jahren meinen Doktor machen würde. Nur, um ihm zu beweisen, dass das eine reine Fleißarbeit ist. Der Einsatz war sein Lieblingsbier. Eine Kiste Krombacher. Irgendwie hat er jetzt final gewonnen.
Ich habe Micha in Lebensphasen kennen gelernt, in denen er gewiss nicht immer glücklich war und man sah ihm seine Sorgen durchaus an. Nichtsdestotrotz hatte er am Ende einen Menschen an seiner Seite, auf den er stolz sein konnte. Bis ganz zum Ende.
Ich bin froh, dass ich ihn vor ein paar Tagen noch einmal sehen, sprechen konnte - auch um ihn an unsere Wette zu erinnern. Was ich im Leben nicht vergessen werde, ist sein trockener Humor, den er sogar zu äußern in der Lage war, als er eigentlich nicht mehr über die geeigneten Mittel verfügte. Es wäre zu pathetisch zu behaupten, er hätte bis zu seinem letzten Atemzug die wahren Spießer verlacht, aber auch nicht ganz weit weg von der Wahrheit.
Ich persönlich werde den 27. Januar ohnehin niemals vergessen, da an diesem Tag im Jahr 2011 auch mein Vater verstarb. Und irgendwie möchte ich glauben, dass ich diesen Tag eines Tages als einen guten Tag ansehen kann. Ein Tag an dem nun bereits 2 gute Menschen gingen, die nicht nur mir etwas bedeuteten. Vielleicht wird aus diesem Tag der Trauer mit der Zeit ein Tag des Friedens.
Werde ich Dich vermissen Micha? Oh ja, das werde ich. Bescheuerter Weise bist Du einer von den Menschen, die man kennenlernt, ein zeitlich nur kurzes Stück des Weges begleitet, und am Ende aller Tage bemerkt, dass man viele Dinge nicht gesagt und nicht getan hat. Das scheint zwar beinahe immer so zu sein, aber in Deinem Fall , Du sturer Bock, Du alter Stiesel, Du nerdiger Sauerländer, Du gutes Herz, wird genau das bei mir dazu führen, dass ich Dich niemals vergessen werde. Keiner Deiner Freunde wird Dich je vergessen.
Und wir zwei Atheisten wissen, das ist es was bleibt. Was mich gerade trotz allem zum Schmunzeln bringt, ist die Tatsache, dass Du meinen Text aufgrund der Kommasetzung oder der ein oder anderen Formulierung gewiss zerpflücken würdest, alter Korinthenkacker... Und ich würde es lieben.
Ich wünsche Dir, dass sich alle Deiner erinnern so lange sie leben und zwar so, wie Du warst. Unangepasst, eigen, stolz und lustig.
Wegen Dir werde ich jeden Samstag, sollte ich die Straßenseite wechseln, ein breites Grinsen auf dem Gesicht tragen. Irgendwann.
Mach 's gut Micha.
Unter ferner liefen - Gedanken durch die Nacht
Die Hälfte dieser Racker - hat sich leise umgebracht
Verhagelt sind dem schlichten Sinn
Nun Trübsal und der Sog dorthin
"Anders als die ander'n" - wähnt sich jeder Geist
Bis garstig Klarheit nächtens - tiefe Wunden reisst
Gebügelt duch der Masse Masse
Geschliffen mit abwesend Klasse.
Dauerschwörend Schwüre - schwören sich gleich selbst
Bis der eig'ne Ekel - jene selbst befällt
Die sich seh'n ins Recht getaucht
Die Gedanken - schon gebraucht.
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